Unsere Tagungen

English version below

 

Einmal im Jahr, in der Regel im Juni, veranstaltet die Gesellschaft für Agrargeschichte eine ein- oder zweitägige Konferenz. Meist handelt es sich dabei um thematisch eingegrenzte Tagungen, die oft epochenübergreifenden Charakter haben. Immer ist dabei die Aktualität der Forschungsergebnisse oberste Priorität.

Die Teilnahme ist immer auch Nichtmitgliedern und allgemein Interessierten möglich.

Unsere Tagung 2018:

 

22. Juni 2018

"Dorf und Dörflichkeit: Studien zum sozialen Leben im Dorf"

Verantwortlich: Prof. Dr. Eva Barlösius (Leibniz Universität Hannover) und Prof. Dr. Claudia Neu (Georg-August Universität Göttingen/Universität Kassel)

Ort: Historische Sternwarte der Universität Göttingen, Geismar Landstr. 11, 37083 Göttingen (http://www.uni-goettingen.de/de/96209.html)

Gefördert durch: Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages

Anmeldungen und Zimmerreservierungen bitte bis zum 10. Juni 2018 an: stefanie.bartols@uni-goettingen.de

 

Die Tagung möchte den Begriff der Dörflichkeit in die Diskussion bringen, um mit den längst überholten, aber noch immer gebräuchlichen Kennzeichnungen des sozialen Lebens im Dorf zu brechen. Diese stammen mehrheitlich – zumindest vom Duktus her – aus dem Ende des 19. Jahrhunderts, weshalb sich in ihnen der Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft reflektiert. Typisch für diese Kennzeichnungen ist, dass sie dem sozialen Leben im Dorf solche Merkmale zuweisen, die mit der Vergangenheit assoziiert sind. Abgesehen davon, dass sie sich historisch weitgehend als falsch erwiesen haben, eignen sich diese Charakterisierungen nicht im Geringsten dazu, zu verstehen, ob und wodurch sich das soziale Leben im Dorf in der Wissensgesellschaft auszeichnet. Die Jahrestagung 2018 will Antworten auf diese Fragen geben und schlägt dazu vor, mit dem Begriff der Dörflichkeit zu arbeiten. 

 

Mit dem Begriff Dörflichkeit wollen wir die Möglichkeit eröffnen, systematisch zu erfassen und zu beschreiben, ob und durch welche spezifische Sozialität das Leben im Dorf charakterisiert ist, dabei geht es uns vor allem um die Gestaltung und Qualität der sozialen Beziehungen (Barlösius/Spohr 2017). Dass trotz Globalisierung und Digitalisierung des Sozialen Dörflichkeit eine eigene soziale Wirkungsmacht besitzt, zeigt sich beispielsweise in den Prozessen der Verdörflichung infrastruktureller Einrichtungen, der Bedeutung von sozialen Beziehungen mit Face-to-Face-Charakter und den Formen unmittelbarer sozialer Integration.

 

Die etablierten bis heute gebräuchlichen Erfassungen und Beschreibungen der sozialen Beziehungen im Dorf greifen noch immer auf Charakterisierungen zurück, deren Grundtypus vor 130 Jahren entwickelt wurde (Tönnies 1887). Er besteht darin, wertende begriffliche Oppositionspaare zu verwenden und für das Dorf stets jene Eigenschaften als typisch auszuweisen, die als überholt und der Zukunft abgewandt gelten: Gemeinschaft, Tradition, öffentliche Privatheit, Zusammenhalt, Intoleranz etc. Der Stadt werden dagegen die gegenteiligen Merkmale gutgeschrieben und Zukunftsfähigkeit attestiert. Dass diese Differenzbestimmungen sowohl für die empirischen Forschungszugänge wie auch für die theoretischen Rahmungen nicht mehr angemessen sind, die soziale Wirklichkeit (Berger/Luckmann) des dörflichen Lebens zu analysieren, drückt sich besonders klar darin aus, dass in den letzten Jahrzehnten zunehmend mit Übergängen, Hybriden und Zwischenbereichen gearbeitet wird. Diese Begriffe suggerieren, dass sich beinahe alle Differenzen aufgelöst haben bzw. unerheblich geworden sind.

 

Nicht nur die oben genannten empirischen Beispiele sprechen dagegen, dass sie dies der Fall ist, auch die Tatsache, dass das Dorf in der Literatur (z.B. Juli Zeh: „Unterleuten“, Hans de Stoop „Das ist mein Hof“) sowie in den Medien zunehmend ein Ort der Imagination des Anderen ist, lässt daran Zweifel aufkommen. Allerdings sollte auch einer weiteren Renaissance der Romantisierung der Dörflichkeit vorgebeugt werden, denn so sehr man sich über die künstlerische und mediale Aufmerksamkeit freuen mag, ob sie zu einer angemesseneren Erfassung und Beschreibung des sozialen Lebens im Dorf beitragen wird, ist fraglich. Die Tagung soll dazu beitragen, genauer zu bestimmen, was Dörflichkeit auszeichnet.

 

 

Programm

 

10.30   Ankommen mit Kaffee

 

11.00   Begrüßung, Einführung ins Thema der Tagung durch Eva Barlösius und Claudia Neu

 

11.15   Werner Nell/Marc Weiland (Universität Halle-Wittenberg):

Imaginäre Dörfer: Zur Wiederkehr des Dörflichen in Literatur, Film und Lebenswelt

 

12.00   Gisbert Strotdress (Wochenblatt für Landwirtschaft & Landleben/Münster):

Mediale Dorf-Bilder der Gegenwart zwischen Landlust und Randfrust

 

12.45   Imbiss

 

14.00   Eva Barlösius (Leibniz Universität Hannover):

Dörflichkeit: soziale Beziehungen, Verpflichtungen und Ansprüche besonderer Art?

 

14.45   Claudia Neu (Universität Göttingen/Kassel):

Akteure der neuen Ländlichkeit und Dörflichkeit

 

15.30   Abschlussdiskussion:

Dörflichkeit – ein lohnender Begriff?

 

16.00   Kaffeepause

 

16.30   Mitgliederversammlung der Gesellschaft für Agrargeschichte

 

17.30   Führung durch die historische Sternwarte

 

 

Referentinnen und Referenten

 

Eva Barlösius hat die Professur Makrosoziologie und Sozialstrukturanalyse an der Leibniz Uni­versität Hannover inne und leitet das Forschungszentrum Science and Society (LCSS). Zu ihren aktuellen Forschungsschwerpunkten gehören Infrastrukturen, Dörflichkeit und Wissenschafts­soziologie.

Leibniz Universität Hannover, Institut für Soziologie, Schneiderberg 50, 30167 Hannover, E-Mail: e.barloesius@ish.uni-hannover.de

 

Werner Nell hat eine Professur für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg inne. Seine Arbeitsgebiete sind u.a. Verglei­chende Regionalitätsstudien und Interkulturelle Deutschlandstudien. Er ist der Sprecher des Forschungs­projekts Experimentierfeld Dorf.

Martin-Luther-Universität Halle, Germanistisches Institut, Ludwig-Wucherer-Straße 2, 06108 Halle, E-Mail: werner.nell@germanistik.uni-halle.de

 

Claudia Neu ist Professorin für die Soziologie ländlicher Räume an den Universitäten Göttin­gen und Kassel. Sie ist die stellvertretende Vorsitzende des Sachverständigenrates „ländliche Ent­wicklung“ des BMEL (2016-2019). In der Forschung beschäftigt sie sich vor allem mit den Themen Demographischer Wandel, Zivilgesellschaft sowie Daseinsvorsorge in ländlichen Räumen.

Georg-August-Universität Göttingen, Department für Agrarökonomie und Rurale Entwick­lung, Platz der Göttinger Sieben 5, 37073 Göttingen, E-Mail: claudia.neu@uni-goettingen.de

 

Gisbert Strotdrees ist Historiker und arbeitet seit 1988 als Redakteur beim Wochenblatt für Landwirtschaft & Landleben in Münster für die Themenfelder Kultur, Freizeit, Agrar- und Landes­geschichte sowie Familie / Soziales. Er hat etliche Bücher zum Themenbereich Land­leben und Landwirtschaft publiziert.

Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben, Landwirtschaftsverlag GmbH, Hülsebrockstraße 2–8, 48165 Münster E-Mail: gisbert.strotdrees@wochenblatt.com

 

Marc Weiland koordiniert an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg das For­schungsprojekt Experimentierfeld Dorf, das von der VolkswagenStiftung finanziert wird. Er hat Literatur­wissenschaft, Sprachwissenschaft und Philosophie studiert und mit einer Arbeit über „Schöne neue Dörfer“ promoviert.

Martin-Luther-Universität Halle, Germanistisches Institut, Ludwig-Wucherer-Straße 2, 06108 Halle, E-Mail: marc.weiland@germanistik.uni-halle.de


 

English version

 

Once a year, usually in June, the GfA organizes a conference. Mostly the conferences are characterized by a conceptual framework, comprehensive approaches and presentations regarding different periods. Highest priority is up-to-dateness of the research results.

Attendance is open regardless of membership.

 

Further information:

Past conferences of the GfA

Past conferences of the Arbeitskreis für Agrargeschichte (1994-2012)