Jg. 56, 2008, Heft 1: Geschlechterperspektiven: Frauen in ländlichen Gesellschaften

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Editorial

Mit den „Frauen in ländlichen Gesellschaften“ greift das aktuelle Heft der Zeitschrift ein Thema auf, das in der Agrargeschichte nach wie vor nicht zu den bevorzugten Forschungsfeldern zählt. So gehört zwar der tief greifende Wandel, den die ländliche Gesellschaft vom Mittelalter bis zur Gegenwart im Zuge vielschichtiger Modernisierungs- und Technisierungsprozesse durchlaufen hat, bis heute zu den wichtigen agrarhistorischen Fragestellungen. Welchen Anteil allerdings Frauen an diesem Prozess hatten und wie sich der landwirtschaftliche Strukturwandel auf das Alltagsleben beispielsweise von Bäuerinnen auswirkte – darüber wissen wir noch immer relativ wenig.


Dieses Desiderat ist primär der spezifischen Forschungslage in den agrarhistorischen und agrarwissenschaftlichen Disziplinen geschuldet. Denn diese widmeten sich über Jahrzehnte bevorzugt Fragen von Landwirtschaft und Ökonomie unter eher naturwissenschaftlichen, wirtschafts- oder auch rechtsgeschichtlichen Perspektiven. Mit der kulturalistischen Wende in den Geisteswissenschaften, der letztlich auch die Frauen- und Geschlechterforschung zuzuordnen ist, hat sich die klassische agrarhistorische Forschung auch aufgrund ihrer Nähe zu den naturwissenschaftlichen Disziplinen lange schwer getan.

Für historische und volkskundliche Studien zur ländlichen Gesellschaft ergibt sich schon seit Jahren ein anderes Bild: Insbesondere jüngere Arbeiten integrieren, je nach Forschungsthema, vielfach auch geschlechterhistorische Perspektiven. Sie fragen nach den Handlungsspielräumen und Handlungsstrategien von Männern und Frauen im ländlichen Raum sowohl für die Frühe Neuzeit als auch für das 19. und 20. Jahrhundert unter den Bedingungen einer sich rasant beschleunigenden Modernisierung und Technisierung auf dem Land. Der geschlechtergeschichtliche Ansatz geht dabei von der Prämisse aus, dass Entwürfe von Männlichkeit und Weiblichkeit in spezifischen kulturellen, historischen und sozialen Kontexten entstehen und somit variabel sind.

Das vorliegende Heft der Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie widmet sich mit seinem Themenschwerpunkt „Frauen in ländlichen Gesellschaften“ einem auf den ersten Blick „alten“ Thema. Denn während das primäre Anliegen der älteren Frauenforschung darin lag, Frauen in der Geschichte überhaupt erst sichtbar zu machen, nimmt die moderne Geschlechterforschung die kulturelle Konstruktion von Weiblichkeit und zunehmend auch von Männlichkeit in den Blick. Geschlecht wird dabei vor allem in der jüngeren Forschung als mehrfach relationale Kategorie begriffen, die sich nicht nur in Abgrenzung zum jeweils anderen biologischen Geschlecht definiert, sondern immer auch in Beziehung zu weiteren Differenzkategorien (Stand, Klasse, Rasse, Generation etc.) stand und steht.

Um Beziehungen zwischen Mann und Frau, Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit sowie die daraus resultierenden Geschlechterhierarchien geht es trotz des Primärbezugs auf die Frauen auch in den Aufsätzen des Heftes. Dabei schlägt der Beitrag von Dorothee Rippmann zum Thema „Liebe, Geschlechterverhältnis und komplementäre Welten: Überlegungen zum Spätmittelalter“ nicht nur zeitlich, sondern auch inhaltlich den weitesten Bogen. Rippmann analysiert die Motive eines spätmittelalterlichen Bildteppichs aus dem oberrheinischen Raum, der die Arbeiten der Feldbestellung aus einer stadtbürgerlichen Perspektive darstellt. Mit seiner Fokussierung auf den einst in einem vornehmen Stadthaus als Wandschmuck dienenden Wirkteppich steht der Beitrag im Kontext der in den Geschichts- und Kulturwissenschaften momentan breit diskutierten Hinwendung zu Bildzeugnissen als historischer Quelle. Er verweist darüber hinaus auf die komplexe Gemengelage unterschiedlicher Darstellungsintentionen, Interpretationen und Botschaften von bildlichen Zeugnissen, die letztlich nur im zeitgenössischen Kontext verständlich werden. Trotz der vordergründigen Abbildung konkreter Arbeitsvorgänge erweisen sich die Beziehungen zwischen Mann und Frau auf den bildlichen Darstellungen des Teppichs als Leitmotiv. Diese jedoch, wie Dorothee Rippmann akribisch und überzeugend belegt, sind untrennbar eingewoben in allgemeine Menschenbilder des Spätmittelalters und vor allem in Vorstellungen von Natur. Denn ein „harmonisches gesellschaftliches Zusammenleben und die ‚einmütige’ Kooperation beider Geschlechter hatten nach damaligen Vorstellungen in Einklang mit der vorbildlichen göttlichen Ordnung der Schöpfung (Makrokosmos) zu stehen. Beides setzte den guten Willen der Menschen voraus, es war jedoch nicht zuletzt abhängig von der Gunst der ‚Natur’.“


Ursula Schlude diskutiert am Beispiel der Kurfürstin Anna von Sachsen (1532– 1585) den Beitrag von Frauen als Expertinnen vormodernen Agrarwissens. Auch ihre Untersuchung steht im Kontext einer hochaktuellen Debatte in den Geschichts- und Kulturwissenschaften, nämlich der nach der Rolle von Experten und Expertenwissen und dessen Vermittlung in der vormodernen Gesellschaft. Besonders interessant an dieser Fallstudie ist die Tatsache, dass es sich hier um einen Diskurs um agrarisches Wissen handelt, der jenseits der männlich dominierten Universitäten stattfand und damit auch Frauen wie eben der sächsischen Kurfürstin die Möglichkeit bot, ihre Kenntnisse und Erkenntnisse einzubringen. Die gut dokumentierte Agrarpraxis der Fürstin betrachtet Ursula Schlude zugleich als wichtiges Element des Regierungshandelns eines fürstlichen Ehepaars. Dass Anna von Sachsen darin vermutlich kein Einzelfall war, zeigen die als Garten- und Landwirtschaftsexpertinnen hervorgetretenen Fürstinnen etwa an den Höfen in Ansbach, München, Stuttgart, Kassel, Braunschweig, Kopenhagen, Stettin, Küstrin oder Königsberg.

 

Der Beitrag von Mathilde Schmitt zu den „Pionierinnen in Agrarstudium und Agrarforschung“ schließt zeitlich nicht unmittelbar an die Untersuchungen von Ursula Schlude an. Noch dazu geht es hier nicht um die Situation von Frauen im ländlichen Raum, sondern vielmehr um die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Landwirtschaft durch Frauen. Der Beitrag bietet allerdings insofern einen inhaltlichen Anschluss, als hier das agrarhistorische Expertenwissen an den Universitäten des frühen 20. Jahrhunderts thematisiert wird. Im Unterschied zu Anna von Sachsen, die aufgrund ihrer herausgehobenen ständischen Stellung schon Jahrhunderte früher Einfluss auf einen agrarhistorischen Expertendiskurs nehmen konnte, der außerhalb des akademischen Bereichs stattfand, hatten es die ersten weiblichen Agrarexpertinnen an den Universitäten des frühen 20. Jahrhunderts schwer. Denn hier erwiesen sich – trotz aller wissenschaftlichen Kompetenz aufseiten der Forscherinnen – die traditionell männlich dominierten Strukturen an den Universitäten als ausgesprochen einflussreich. Entsprechend gelang es Frauen trotz ausgewiesener Fachkenntnisse kaum, diese auch in entsprechende akademische Positionen umzusetzen. Dass hier zudem Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit selbst im intellektuellen Milieu des frühen 20. Jahrhunderts eine zentrale Rolle spielten, belegt die Analyse von Mathilde Schmitt eindringlich.

 
Ein vierter, ursprünglich für das Heft vorgesehener Beitrag zur Situation von Frauen in ländlichen Gesellschaften der Gegenwart musste leider kurzfristig entfallen. Die hier publizierten Aufsätze beschränken sich somit zwangsläufig auf die Zeit vom Spätmittelalter bis in das frühe 20. Jahrhundert. Dass es sich angesichts.


Barbara Krug-Richter (Münster)
Martina Schattkowsky (Dresden)

 

 

Inhaltsverzeichnis

 
Editorial:
Dorothee Rippmann: Liebe, Geschlechterverhältnis und komplementäre Welten: Überlegungen zum Spätmittelalter S. 11-32
 
Ursula Schlude: Agrarexpertin am fürstlichen Hof. Überlegungen zur Sozial- und Geschlechtergeschichte des Agrarwissens in der Frühen Neuzeit S. 33-48
 
Mathilde Schmitt: Ein klarer innerer Trieb zur Wissenschaft. Pionierinnen in Agrarstudium und Agrarforschung S. 49-63
 
Abstracts: S 64- 66
 
FORUM
Anna-Carolina Vogel: Zur geschlechtsspezifischen Ungleichheit vor dem Tod. Ergebnisse einer aggregativen Kirchenbuchauswertung S. 64-72
 
Eva-Maria Lerche: Forschungsbericht: Alltag und Lebenswelt von heimatlosen Armen (‚Landarme‘) im 19. Jahrhundert in Westfalen S. 72-80
Harald Bischoff: „Erwerbsgartenbau im Wandel: Von den Klostergärten zum modernen Wirtschaftszweig“ (Fachtagung der Gesellschaft für Agrargeschichte, 13.-14. Juni 2008 in Erfurt) S. 80-81
 
REZENSIONEN S.81-115
 

Abstracts

Dorothee Rippmann: Love, Gender Relations and Complementary Worlds
 

On the basis of a late medieval iconographic source from the Upper Rhine, different life sectors and interactions are shown between country and town, women and men, peasants and citizens. An immense tapestry transmits to the citizens of the town of Basel the fiction of a pleasant life, with the harmonic combination between work and happiness. The main motifs in the tapestry are love and truthfulness in gender relations.
Observing persons are given requirements of behaviour, in terms of double transmutation of peasants being Wild men. The tapestry appears to be full of realistic details. A possible interpretation thereof might be allusion such as popular rituals concerning the marriage of young people. Within the tapestry, Wild men and women meet equally. Thereby the social form of the institution of marriage might be reflected.
Since the High Middle Ages, marriage has been understood as a community of life and as an economic unit. The tapestry shows the asymmetrical relation between town and country, because only the perspective of the town is expressed. As in many sources, the perception of the rural population itself is not mentioned. In this article, some reflexions on the important ecological changes in late medieval Europe are presented; they seem to be reflected in pieces of art such as late medieval tapestries. Wild men, e.g., are relicts of the remote time when forest dominated the landscape.


Ursula Schlude: A Woman Expert in Agriculture at a Princely Court. Reflections on the Social and Gender History of Agrarian Knowledge in Early Modern Times

 
Exploring women’s intellectual contributions to the history of agricultural progress is a new and promising approach within research on gender and science in the field of agrarian history and sociology. Ursula Schlude applies this approach to a developmental phase of agriculture in Europe that is associated with the emergence of large estates of a new type, and that marks an upswing in agricultural production. In this period, financial and normative writing on problems of agriculture gained in significance.
Using the example of a German duchess, Electress Anna of Saxony (1532-1585), the study examines the extent to which the sixteenth-century princely court was a ‚site of knowledge’ in which agricultural practice went hand in hand with the development of agrarian knowledge. The Electress’s agrarian practice is understood here as both an element in the gender-polar conduct of rule by a princely couple and an intellectual activity. The case study is accompanied by the suggestion that we view agrarian knowledge as part of non-academic cultures of knowledge in which women were present, unlike at the universities. It is thus only consistent, the argument continues, that we must integrate a gender perspective more generally into the history of agriculture and agricultural knowledge in Early Modern Times.



Mathilde Schmitt: A Strong Studious Bent. Women Pioneers in Agricultural Science and Research

 
Since German universities opened their doors to female students in the beginning oft the 20th century, women have been seizing the opportunity to matriculate in agricultural science. The number of female students has increased continuously during the century; their percentage has almost reached 50 per cent nowadays. Not until the 1970s, however, women more obviously pursued a doctoral degree. The pronounced inter- and transdisciplinarity of the agricultural sciences supported women’s professionalization. Not only with a degree in agricultural science, but also in natural science, law or economy did they have the opportunity to work and earn a doctorate at an agricultural university. Sketching a few biographies, the article shows women’s stories of success but also their experienced discrimination and obstacles they had to overcome.

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