2014

Der AgrarKulturerbe-Preis 2014 wurde unter zwei Preisträger aufgeteilt. Wir prämierten die ARGE Fisch im Landkreis Tirschenreuth e.V. und Dr. Peter Moser, den Gründer des Archivs für Agrargeschichte in Bern.

 

Laudatio von Prof. Dr. Clemens Zimmermann auf Dr. Peter Moser und das „Archiv für Agrargeschichte“ in Bern

 

Anlässlich der Verleihung des Preises des „Agrarkulturerbe“ für 2014

Mit dem diesjährigen Preis des „Agrarkulturerbe“ würdigen wir gleichzeitig die kraftvollen Initiativen von Dr. Peter Moser, der wissenschaftlichen Agrargeschichte das gehörige Gewicht in der Forschungslandschaft zu verleihen, als das von ihm begründete „Archiv für Agrargeschichte“. Es steht in der internationalen Archiv- und Forschungslandschaft sowohl von der innovativen methodischen Konzeption her wie durch die Breite ausgreifender, international wirksamer Aktivitäten nicht nur in der Schweiz, sondern zumindest im zentralen Europa ganz einzigartig dar.

 

[...] Das „Archiv für Agrargeschichte“ nimmt ... besondere Aufgaben wahr, die es von anderen Einrichtungen abheben und weshalb es also den Preis des „Agrarkulturerbe“ einschlägig verdient. Es bezeichnet sich selbst zurecht als „Zentrum der Archivierung und Geschichtsschreibung zur ländlichen Gesellschaft“, jedenfalls zur Zeit ab 1800. Es geht um die Fülle von Archivmaterial, das sonst verloren zu gehen droht und dem Gedächtnis entschwindet, wenn es nicht geordnet, erschlossen, bearbeitet wird, abgesehen von den drohenden physischen Untergang solcher Materialien, die gerade auf dem Land und im Bereich der Firmen drohen. Das Archiv fördert die Geschichtsschreibung ländlicher Gesellschaft, damit geht es um die Verhältnisse nicht nur im Agrarischen im engeren Bereich, sondern auch um ländliche Lebenswelten bis zur Gegenwart. Es ist nötig, dass sich nicht nur Soziologen, Geographen und Regionalforscher um diese Dinge kümmern, sondern gerade Sozial- und Kulturhistoriker. Hier in Bern ist also das Zentrum, entstanden aus privater und zivilgesellschaftlicher Initiative, vorhanden, das entsprechende Projekte entwickelt und einschlägige Dienstleistungen der Sicherung und Aufarbeitung von Archivalien anbietet. Es geht um die Konturen einer weitgehend in den heutigen Kulturwissenschaften ignorierten agrarisch-industriellen Wissensgesellschaft. Den Schwerpunkt bilden die Online-Portale zur Vermittlung der Erkenntnisse aus der Archivierung. In einem Portal werden Quellen zur Agrargeschichte angeboten, in einem weiteren Portal finden sich sonst absolut schwer zugängliche Bild- und Tondokumente zur ländlichen Gesellschaft, in einem dritten Portal können Personen der ländlichen Gesellschaft ermittelt werden. Der Nutzen dieser Angebote liegt auf der Hand. Aber auch die konsequente Weg zur Digital History, der in Print ja auch gar nicht hätte aus allein Finanzgründen beschritten werden können, verdient der Hervorhebung. Es handelt sich demnach um ein virtuelles Archiv, über das der Zugang zu woanders lagernden Beständen vermittelt und ermöglicht wird. Gegründet wurde es 2002, als sich der Aufschwung der Agrargeschichte zu einer integrierenden Sozial- und Kulturgeschichte schon deutlicher abzeichnete und die engen Grenzen bisheriger Forschung gesprengt wurden – auch durch vermehrte internationale Kooperation. Denn sowohl für Peter Moser mit seiner frühen Vertrautheit mit der irischen und britischen Geschichte als für die weiteren Akteure im Archiv steht es außer Frage, dass Forschung heute auf internationaler Kooperation beruhen muss. Auch in dieser Internationalität liegt der innovative Aspekt des „Archivs“. Insbesondere die Veranstaltung des internationalen Agrargeschichtskongresses hier in Bern war eine organisatorische und finanzielle Meisterleistung.

 

Die Gründung des Archivs geschah in einer Zeit, in der sich gerade in der Schweiz viele Dokumentarfilmer dem Ländlichen und den Erfahrungen dort zuwandten und als man begann, die früheren ethnografischen Dokumentarprojekte und –filme wieder zu entdecken, die unseren Quellenbegriff doch erheblich erweitern. Selbst die Maggi-Instruktions- und Heimatfilme der 1930er- bis 1950er Jahre gehören zum Schweizer Agrarkulturerbe, wie Yvonne Zimmermann, die mittlerweile in Marburg tätig ist, gezeigt hat. Es wäre schön, wenn das Berner Archiv zu einem Medienarchiv ausgebaut werden könnte.

 

Die Gründung von 2002 begegnete der Gefahr, dass nach dem ersten Aufbruch der Neunziger Jahre die Ansätze in der Schweiz wieder versanden, denn an den Universitäten sind sie leider unterrepräsentiert; das gilt genauso für die Bundesrepublik. Die finanzielle Hilfe der Stiftung Sur La Croix hat den Beginn ermöglicht. Nur durch weitere öffentliche und zivilgesellschaftiche Förderung wird das Archiv weiterarbeiten können.

 

Zahlreiche Archivbestände wurden bislang erschlossen. Methoden der elektronischen Erschließung wurden entwickelt, die auch für die öffentlichen Archive interessant sind. Zahlreiche, relativ aufwändige Absprachen mit den Archiven wurden getroffen. Nur in Zusammenarbeit mit den bestehenden Archiven kann selbstverständlich das Berner „AfA“ existieren. Gerade diese Fähigkeit zur Kooperation hebt die Einrichtung auch ab von anderen Einrichtungen für den ländlichen Raum.

 

Die Forschungstätigkeit beim AfA ist freilich nicht immer auf Verständnis gestoßen. Jedoch der Begriff des Archivs umfasst ursprünglich die Forschungstätigkeit, auch wenn Forschung in verschiedenen deutschen Archivgesetzen den Archivaren regelrecht untersagt wurde. Möglich wurde der Aufbau des AfA durch den Ausbau von Aktivitäten im Zuge des europäischen COST-Agrarforschungsprogramms. Dadurch genießt das Archiv mittlerweile den Status einer Forschungseinrichtung beim Nationalfonds, ein bedeutender Schritt in die Zukunft – und auch dies einzigartig, denn jedenfalls in anderen westeuropäischen Ländern, ausgenommen das Boltzmann-Institut für den ländlichen Raum in Österreich, fehlt eben dort den Initiativen eine solche Anerkennung. Das Afa trug zur Gründung der Schweizerischen Gesellschaft für ländliche Geschichte bei und Peter Moser nahm auch aktiv an der Gründung der European Rural History Organisation teil, die 2013 den erfolgreichen Berner Kongress durchführte.

 

Dass Peter Moser der Initiator, der ständige Antreiber zu kreativen Weiterentwicklung, der spiritus rector mancher Einzelinitiative war, muss in diesem Kreis und in der Berner Öffentlichkeit kaum herausgehoben werden. Wir vom „Agrarkulturerbe“ hoffen, dass es ihm und seinen Mitstreitern und Mitstreiterinnen es künftig gelingen wird, zu einer vermehrten Präsenz agrarhistorischer Inhalte in der Lehre zu gelangen. Wir sind sicher, dass die konzeptionelle Weiterentwicklung des „Archivs“ gelingen wird, wenn sich die öffentliche Hand und das heißt Kantone und Bund, zur tatkräftigen Förderung entschließen Die bisherigen Mitarbeiterinnen, davon drei in Teilzeitanstellung, sind bestens ausgebildet, sie sind ein weiteres Potenzial der Initiative. Geplant ist konkret der Ausbau der Dokumentation und die Ermöglichung des direkten Zugangs zum Katalog für Dritte.

 

Das „Agrarkulturerbe“ würdigt mit der Person Peter Moser und dem „Archiv für Agrargeschichte“ also das Zentrum historischer Agrarforschung in der Schweiz und seine internationale Alleinstellung.

 

Laudatio von Frau Prof. Dr. Christel Köhle-Hezinger auf die „ARGE Fisch im Landkreis Tirschenreuth e. V.“ anlässlich der Verleihung des AgrarKulturerbe-Preises 2014 am 10. Oktober 2014 in Tischenreuth

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

unter Teichwirtschaft wird in den einschlägigen Publikationen „die Fischzucht in künstlich angelegten, stehenden, ablaßbaren Gewässern“ verstanden. Landschaften mit Teichwirtschaf sind somit vom Menschen geschaffene Kulturlandschaften. Teichwirtschaft ist ein europäisches Phänomen: Die Karpfenproduktion, die den Schwerpunkt der Teichwirtschaft ausmacht, wird in Europa vor allem in Polen und in Tschechien betrieben. Außerdem wird Ungarn als wichtiger europäischer Karpfenlieferant genannt. Auch Frankreich ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen. Innerhalb Deutschlands nimmt Bayern den Spitzenplatz ein. Bayern produzierte 2004 mehr Karpfen als Sachsen und Brandenburg, die beiden nächst größeren Produzenten, zusammen. Weitere Regionen in Deutschland, die die Teichwirtschaft kennen, sind Schleswig-Holstein und der Schwarzwald.

In Bayern wiederum sind Franken und die Oberpfalz Zentren der Teichwirtschaft. Im Landkreis Tirschenreuth gibt es im Jahr 2014 etwa 4.700 Teiche mit einer Fläche von zusammen 2.500 Hektar. Zur Blütezeit der Teichwirtschaft, die im 16. Jahrhundert anzusiedeln ist, wurde die Teichwirtschaft in der Oberpfalz auf einer Fläche von etwa 20.000 ha betrieben. Das Zentrum der Teichwirtschaft im Landkreis Tirschenreuth wird von den Orten Tirschenreuth, Mitterteich, Wiesau, Friedenfels und Falkenberg umgrenzt.

Dieses Gebiet wird auch als Stiftland bezeichnet, weil es früher zum Bezirk des Stifts Waldsassen gehörte. Kerngebiet des Teichgebiets im Stiftland ist die „Tirschenreuther Teichpfanne“, die besondere, für die Teichwirtschaft sehr gut geeignete Bodenverhältnisse aufweist, nämlich Tone, Lehme, Sand und Schotter, die zu einer stellenweisen Wasserundurchlässigkeit des Bodens führten. Zudem zeichnet sich das Gebiet durch ein geringes Gefälle aus, so dass es früher zu Überschwemmungen und zu Sumpfbildungen kam. Die Flächen wurden schon früh für die Teichwirtschaft genutzt. Ausreichende Niederschläge sind ebenfalls wichtig für die Teichwirtschaft. Als dritter naturräumlicher Faktor ist das Klima zu nennen. Zwar weist Tirschenreuth hier deutlich niedriger Werte als beispielsweise das fränkische Neustadt an der Aisch auf. Aber die Zahl der warmen Tage (Temperaturmaximum über oder gleich 20 Grad Celsius) ist mit etwa 70 noch ausreichend (Neustadt Aisch etwa 90).

Als uns im April 2014 Ihre Bewerbung um den AgrarKulturerbe-Preis erreichte, waren wir schnell begeistert. Da war erstens der historische Aspekt, der uns gefiel. Wie wir Ihrem Bewerbungsschreiben und den einschlägigen Publikationen entnahmen, kann die Teichwirtschaft in der Region um Tirschenreuth auf eine rund tausendjährige Geschichte zurückblicken. Bereits um das Jahr 1000 wurden die ersten Teiche angelegt und ab 1133 durch das neu gegründete Zisterzienserstift Waldsassen in den folgenden Jahrhunderten stark gefördert. In der Geschichte dieses Klosters spiegelt sich ein Stück bayerischer, deutscher und europäischer Geschichte. Nachdem es um 1214 reichsunmittelbar geworden war, kam das Stift im 15. und 16. Jahrhundert unter kurpfälzische Herrschaft. 1571 wurde das Kloster im Zuge der Reformation säkularisiert, und in Waldsassen wurden kalvinistische Tuchmacherfamilien angesiedelt. Während des Dreißigjährigen Krieges fiel die Oberpfalz an Bayern, und es setzte eine Rekatholisierung ein. Nachdem die Reichsabtei Waldsassen Ende des 17. Jahrhunderts wiederbelebt worden war, wurde sie 1803 wieder aufgelöst und fiel endgültig an Bayern. In dieser Zeit um 1800 ist auch ein Tiefpunkt der Teichwirtschaft feststellbar, deren Niedergang bereits ab dem Dreißigjährigen Krieg einsetzte.

Die mittelalterliche Teichwirtschaft musste ökologisch sparsam mit den knappen Ressourcen umgehen. Das ist für uns ein zweiter wichtiger Punkt. Es wurden Teichketten gebildet, bei denen sich „in abfallendem Gelände ein Teich an den anderen reiht“. Beim Ablassen der Teiche im Herbst wird „zuerst der unterste entleert, sodass in diesem Wasser das Wasser des Teiches oberhalb aufgefangen werden kann“. Es handelt sich in der Tat um ein „einfaches, aber geniales System“, um ein „kleines Wunderwerk“.

Teichwirtschaft bedeutet darüber hinaus Kulturlandschaftspflege und Naturschutz. Wenn die landschaftsprägenden Teiche nicht mehr bewirtschaftet würden, würden sie verlanden, die Kulturlandschaft würde sich verändern. Die Teiche als Lebensraum für Tiere und Pflanzen würden verloren gehen. Durch die Pflege der Teichwirtschaft wird auch bedrohten Kleinfischarten wie dem Moderlieschen, dem Stichling, dem Gründling und dem Deutschen Edelkrebs einen Lebensraum erhalten.

Teichwirtschaft hat zudem eine soziale Komponente. Die einzelnen Teiche gehören unterschiedlichen Familien und Personen, die nach „ungeschriebenen Gesetzen“ zusammenarbeiten und kooperieren müssen. Kompromisse müssen ausgehandelt werden. Das Aushandeln von Kompromissen gilt als wesentlicher Bestandteil einer demokratischen politischen Kultur.

Teichwirtschaft hat aber auch eine ökonomische Komponente. Die Teichwirtschaft gibt Menschen Arbeit und sichert Familien ein Einkommen. Die Teichwirtschaft ist vor allem ein wichtiger Nebenerwerbsfaktor. Die Tirschenreuther Teiche werden von etwa 800 Teichwirten bewirtschaftet, von denen zehn als Vollerwerbsbetriebe und 50 im Nebenerwerb arbeiten.

Schließlich bedeutet Teichwirtschaft Regionalförderung und ein Regionalmarketing. Der am Rand Bayerns und Deutschlands, aber im Zentrum Europas liegende Landkreis Tirschenreuth hat eine Fläche von über 1.000 qkm, aber nur rund 74.000 Einwohner. Er weist eine Bevölkerungsdichte von 68 Einwohnern pro Quadratkilometer auf und gehört damit zu den am wenigsten dicht besiedelten Landkreisen Bayerns und Deutschlands. Durch die Teichwirtschaft wird auch ein sanfter Tourismus gefördert.

Teichwirtschaft hat nichts mit Massentierhaltung zu tun, die unter Zeitdruck produzieren muss. Zu 95 % werden die Teiche von Karpfen bevölkert, die drei Sommer Zeit bekommen, bis sie gefangen werden. Andere Fischarten, die als „Beifische“ in den Teichen gehalten werden, sind Schleien, Rotaugen, Hechte und Zander. Die Teichwirtschaft wird inzwischen auch als Alternative zum traditionellen Fischfang angesehen, der dazu führt, dass die Meere zunehmend belastet werden, dass Fische aussterben und Menschen unter teilweise unwürdigen Bedingungen arbeiten müssen.

Diese Faktoren, die geschichtlichen, ökologischen, sozialen, ökonomischen, regionalen, und agrarkulturellen Aspekte, haben die Gesellschaft für Agrargeschichte e. V. und seinen Wissenschaftlichen Rat davon überzeugt, Ihnen gemeinsam mit Archiv für Agrargeschichte in der Schweiz den AgrarKulturerbe-Preis 2014 zu verleihen.

Mit dem AgrarKulturerbe-Preis, den die Gesellschaft gestiftet hat, sollen Personen oder Institutionen ausgezeichnet werden, die sich ganz besonders um den Erhalt des AgrarKulturerbes verdient gemacht haben. Er wird alle zwei Jahre ausgeschrieben. Wir alle freuen uns sehr, den AgrarKulturerbe-Preis 2014 an die „ARGE Fisch im Landkreis Tirschenreuth e. V.“ überreichen zu dürfen. Die „ARGE Fisch im Landkreis Tirschenreuth e. V.“ erhält den Preis dafür, dass sie sich in hervorragender Weise um den Erhalt einer historischen, knapp 1.000 Jahre alten Agrarwirtschaftsform verdient gemacht hat, die aus ökologischer Sicht auch heute noch außerordentlich sinnvoll ist.

 

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