Zurückliegende Tagungen der GfA

Unsere Tagung 2019

„Doing Unequality – Praktiken der Ungleichheit in der ländlichen Gesellschaft des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit“

 

Datum: 28.-29. Juni 2019

Veranstalter: Prof. Dr. Stefan Brakensiek, Historisches Institut, Universität Duisburg-Essen/ Dr. Arne Butt, Institut für Historische Landesforschung, Georg-August-Universität Göttingen/ Gesellschaft für Agrargeschichte (GfA)

Veranstaltungsort: Alfred-Hessel-Saal des historischen Gebäudes der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen

 

Tagungsbericht

von Arne Butt, Stefan Brakensiek, Jonas Hübner

 

Die Jahrestagung 2019 der Gesellschaft für Agrargeschichte hat sich in Kooperation mit dem Institut für Historische Landesforschung der Universität Göttingen (IHLF) der Frage gewidmet, in welchen alltäglichen Lebenskontexten sich die soziale, wirtschaftliche und politische Ungleichheit in dörflichen resp. ländlichen Gesellschaften der Vormoderne manifestierte. Doing Inequality meint jene Praktiken, die Ungleichheiten in der Gesellschaft verdeutlichten und mit denen sich die Zeitgenossen Rangunterschiede und die verschiedenen Abstufungen der Inklusion in die Gemeinschaft vergegenwärtigten. Die Tagungsbeiträge spannten einen weiten zeitlichen Bogen vom 13. bis zum 19. Jahrhundert und griffen auf Beispiele aus Regionen von der dalmatinischen Küste über die Schweiz bis Nordwestdeutschland zurück. Trotz dieser breiten räumlichen Annäherung an das Querschnittsthema der ‚gelebten Ungleichheit‘ ergaben sich zwischen den einzelnen Beiträgen zahlreiche Anknüpfungspunkte und Gemeinsamkeiten, die unter den Tagungsteilnehmern zu lebhaften Diskussionen führten.

 

Nach der Begrüßung durch Prof. Dr. Arnd Reitemeier (IHLF) leiteten Prof. Dr. Stefan Brakensiek (Universität Duisburg-Essen) und Dr. Arne Butt (IHLF) in das Thema der Tagung ein. Ausgehend von den einschlägigen Forschungen der vergangenen Jahrzehnte betonten sie die allgemeine Erkenntnis, dass die ländlichen Gesellschaften der Vormoderne kein Hort sozialer Gleichheit waren und in vielerlei Hinsicht – z.B. bezüglich ökonomischer und politischer Teilhabe, Geschlechter- und Generationengrenzen – unterschiedliche Dimensionen von Ungleichheit festzustellen sind. Eng damit verknüpft, doch weit weniger erörtert ist allerdings die Frage, wie sich diese rückblickend identifizierten Unterschiede im ländlichen Alltag manifestierten und durch soziale Praktiken tatsächlich zu wichtigen, gar bestimmenden Faktoren des Zusammenlebens wurden; denn im Umkehrschluss gilt, dass eine anhand bestimmter Kriterien retrospektiv ermittelte Ungleichheit, die nicht im konkreten Handeln Gestalt gewinnt bzw. zu der sich solches Handeln nicht nachweisen lässt, sich ggf. als anachronistisches Forschungskonstrukt erweist, das für das ländliche Leben der Vormoderne keine Relevanz entwickelt hat. Das für die Tagung zentrale (Quellen-)Problem, ebenjene Ebene des sozialen Handelns zu greifen, machte Butt eingangs am spätmittelalterlichen Beispiel einiger dörflicher Ämter im Umkreis der Stadt Göttingen deutlich: In den von der Stadt beherrschten Dörfern Roringen und Herberhausen lassen sich anhand der städtischen Überlieferung zwar die Inhaber des Bauermeisteramtes im 15. Jahrhundert sowohl für die Mehrzahl der Jahre bestimmen als auch über ihre Familienverbände und deren Landbesitz ökonomisch und sozial in den Dorfgemeinschaften verorten. Trotz der hervorragenden Quellenlage bleibt aber der Schluss, dass mit diesem Amt eine herausgehobene Stellung in den Dorfgemeinschaften verbunden gewesen sei, reine Spekulation, da keinerlei Hinweise auf Praktiken vorliegen, in denen sich diese vermeintliche Stellung manifestiert haben könnte.

 

Dr. Roberto Leggero (Università della Svizzera italiana, Mendrisio) näherte sich in seinem Vortrag Paraphrasing Descartes. The Inequality in Medieval Southern Switzerland Rural Communities dem Problem der gelebten Ungleichheit über die Talschaften des Vallemaggia-Tals im Tessin des 14. Jahrhunderts. Für die aus Gemeinden (Comunes), Nachbarschaften (Vicinanza) und Markgenossenschaften (Boggia) bestehende Gesellschaft war ein geregelter Zugang zu den knappen Ressourcen, v. a. zu Fließgewässern und Alpweiden, essentiell. Die zunehmende Verrechtlichung der Lebensverhältnisse, vor allem des Ressourcenzugangs, geschah durch zwischendörfliche Vereinbarungen, aber auch durch zahlreiche individuelle Verträge, mit denen sich einzelne Personen, die formal nicht zur jeweiligen Dorfgemeinschaft gehörten, Sondernutzungsrechte sicherten. Bestrebungen zur Egalisierung der Lebensverhältnisse in den einzelnen Kommunen der Talschaft wurden aufgrund dieser Praxis häufig durch sich überlagernde Rechtsgeschäfte zwischen Individuen und Gemeinschaften sowie zwischen Kommunen untereinander konterkariert. Dauerhafte Rechtssicherheit boten beide Vertragsvarianten nicht: Sobald offene, gewalttätige Konflikte zwischen Gemeinden auftraten, war es für einzelne Auswärtige nahezu unmöglich, ihre Sonderrechte zu behaupten; wenn Individuen hingegen ihre rechtliche Sonderstellung im Rahmen von Privatfehden durchsetzen wollten, standen auch die Rechtsbeziehungen ihrer Herkunftskommunen auf dem Spiel.

 

In ihrem Vortrag Jenseitsvorsorge, Gemeinde und soziale Differenz auf dem Land – Der Schauplatz Kirche (1400-1520) widmete sich Prof. Dr. Dorothee Rippmann (Universität Zürich) der Manifestation von gesellschaftlichen Unterschieden durch bäuerliche Seelheilstiftungen und Totengedenken in der Region Bischofszell im Thurgau. Sie rückte damit die Teilhabe an den Heilsmitteln der Kirche als Kriterium für den Sozialstatus in den Blick. Soziale Unterschiede offenbarten sich den Zeitgenossen im Tode z.B. durch unterschiedliche Tarife für Chorherren, Ehrbare, einfache Dorfbewohner sowie für Arme und Kinder beim Totengeläut, durch abgestuften Einsatz von Orgel, ewigem Licht und Kirchenschmuck, schließlich auch in den unterschiedlich ausgestatteten Eintragungen in den Jahrzeitbüchern. Nicht zuletzt die in ihrer Ausstattung stark differierenden Seelheilstiftungen vergegenwärtigten über den Tod hinaus soziale Unterschiede in der ländlichen Gesellschaft; und dies umso nachhaltiger, wenn einzelne Stiftungen so umfangreich ausfielen, dass sie etwa durch Altarstiftungen und gesungene Messen einen wichtigen Beitrag zur ‚sakralen Verdichtung‘ im ländlichen Raum des ausgehenden Mittelalter leisteten. In diesem Verdichtungsprozess bezogen sich die Unterschiede zur städtischen Gesellschaft lediglich auf die Größe der Stiftungen, waren also nicht qualitativer, sondern lediglich quantitativer Natur.

 

Dr. Regina Schäfer (Universität Mainz) zeigte in ihrem Vortrag Reden über „Fremde“ in einem spätmittelalterlichen Dorf, dass die niedergerichtlichen Quellen der sog. Ingelheimer Haderbücher einen ungewöhnlich genauen Einblick in den gesellschaftlichen Alltag des Ingelheimer Grundes in Rheinhessen ermöglichen – eines Raumes, der vom Weinbau geprägt wurde und früh in überregionale, marktwirtschaftliche Zusammenhänge eingebunden war. In dem Reichsgutbezirk spielten weder feudale Abhängigkeiten eine Rolle, noch wurde der Zuzug von Arbeitskräften in größerem Umfang behindert. Trotz der sich stetig wandelnden Zusammensetzung der Bevölkerung etablierten sich besondere Praktiken der Ausgrenzung aus der Gemeinschaft, die Schäfer als „Formen des Fremdmachens“ bezeichnete: Über Beschimpfungen, Gerüchte und üble Nachrede wurden einzelne Individuen als Ortsfremde diffamiert. Wenn den Ausgegrenzten der notwendige Rückhalt in der Gemeinschaft, die frunde, fehlten, drohte im weiteren Konfliktverlauf der Ausschluss aus den für das Sozialprestige wichtigen Sondergruppen (z.B. Trinkgruppen). Im Ingelheimer Grund zeigt sich damit Doing Inequality als ein Mittel, um gegen unliebsame Konkurrenz vorzugehen: die aktive Ausgrenzung von „Fremden“, die angesichts der gesellschaftlichen Mobilität und Offenheit nicht über Geburts- und Wohnort definiert wurden, sondern denen man Verstöße im gesellschaftlichen Beziehungsgeflecht („undoing fruntschaft“) vorwarf.

 

Eine ähnliche Ausgrenzungsrhetorik beobachtete Dr. Marco Tomaszewski (Universität Freiburg) in seinem Vortrag Bannerhandel. Praktiken der Ungleichheit im Land Appenzell 1535-1539. Den Anlass bildeten hier die komplexen Auseinandersetzungen der Landbevölkerung mit der Stadt St. Gallen, die ihr Umland nicht nur wirtschaftlich dominierte, sondern auch politisch zu beherrschen versuchte. Um Rechte und Eigenständigkeit zu bewahren bzw. zurückzuerlangen, bedienten sich die Landgemeinden im Appenzeller Land friedlicher (Rechts-)Mittel wie Supplikationen, Demonstrationen und Prozessführung, doch konnte schnell auch die Grenze zur gewalttätigen Konfliktaustragung überschritten werden. Der offensichtliche Antagonismus zwischen Stadt und Land spiegelte sich innerhalb der Landgemeinden wider: Viele Akteure im ländlichen Raum waren wirtschaftlich potent und politisch einflussreich, gerade weil sie auf vielfache Weise, z. B. als Söldnerführer oder Pensionsempfänger, mit den St. Galler Führungsschichten eng verbunden waren. Je nach Konfliktkonstellation konnten so einzelne Personen als Verräter diffamiert werden, die angeblich die Fremden (i.e. Städter) begünstigt, Gelder veruntreut und somit Eigennutz über das (ländliche) Gemeinwohl gestellt hatten. Das Maß der städtischen Durchdringung der Landgemeinden erwies sich als so groß, dass ein konzertiertes und kohärentes Vorgehen gegen die Stadt St. Gallen nahezu unmöglich war, weil es den Akteuren in den Landgemeinden am notwendigen gegenseitigen Vertrauen fehlte.

 

Dem paradoxen Phänomen, wie in der alpinen Wirtschafts- und Sozialordnung durch Egalisierungstendenzen Ungleichheiten manifest wurden, widmete sich Prof. Dr. Stefan Sonderegger (Stadtarchiv St. Gallen) in seinem Vortrag Doing inequality – enforcing equality. Gegen außen Abschluss und gegen innen Kollektivzwang. Zur spätmittelalterlichen Alpwirtschaft in der Bodenseeregion. Die Intensivierung der Viehwirtschaft im 15. und 16. Jahrhundert in der Region Ostschweiz-Vorarlberg-Liechtenstein führte zu einer immer intensiveren Nutzung der Weiden und Wälder am Berg. Bisher geduldete Wald- und Alpnutzer wurden rigoros ausgegrenzt und ihrer Rechte beraubt, wenn sie nicht in einem Dorf ansässig waren und das Bürgerrecht besaßen. Im Zuge dieser Abschließung der Alpnutzergemeinschaft nach außen wurde zugleich die Ressourcennutzung innerhalb der Gruppe der Berechtigten immer rigideren Regeln unterworfen. Beides fand seinen Ausdruck in detaillierten Alpsatzungen, die z.B. die Zahl der Weidetiere und den Umfang der Holzentnahme für jeden Alpgenossen genau fixierten und darüber hinaus gemeinsame Pflichten wie Zaunbau und Lawinenschutträumung definierten. Die Ressourcenverwaltung war zwar ein dynamischer Prozess des ständigen Aushandelns, ihre institutionalisierten Verfahren zeigen aber eine klare Tendenz, individuelle zugunsten von gemeinschaftlichen Interessen zurückzustellen und einen Kollektivzwang zu etablieren, der die dessen ungeachtet weiter schwelenden Ressourcenkonflikte unter den Alpgenossen fortan prägte.

 

Ein geeignetes Gegenstück hierzu bildete der Vortrag Stratifying Interactions. Gemeingüterbasierte Vergesellschaftung in den frühneuzeitlichen Marken Nordwestdeutschlands von Dr. Jonas Hübner (Universität Duisburg-Essen). Er befasste sich am Beispiel der Essener Mark bei Osnabrück vom 16. bis 19. Jahrhundert mit der kollektiven Verwaltung und Nutzung weitläufiger Wälder, Bruchniederungen und Weiden, die typisch waren für den deutschen Nordwesten und die östlichen Provinzen der Niederlande. Indem Hübner begrifflich zwischen dem „Naturraum“ und dem „Machtraum“ der Mark als „Ressourcensystem“ und „Ressourcenregime“ differenzierte, konnte die gemeinschaftliche Verwaltung und Nutzung wichtiger land-und waldwirtschaftlicher Ressourcen (Viehweide, Holzhieb und sog. Plaggenstich) ‚zusammengedacht‘ werden mit der Reproduktion ständischer Ungleichheit. Dadurch sollte die sonst vorherrschende Engführung auf sozial- und wirtschaftsgeschichtliche bzw. umwelthistorische Fragestellungen überwunden werden. Die Verschränkung von Agrarproduktion als einem Bündel von Praktiken der Naturaneignung mit der Reproduktion sozio-politischer Ungleichheitsbeziehungen im Vollzug solcher mehr oder weniger konflikthafter Aneignungsprozesse erklärte sowohl die Dauerhaftigkeit der Institution ‚Markgenossenschaft‘, als auch die Dynamik, die zu ihrer schrittweisen Auflösung im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert führte.

 

Dr. Fabian Kümmeler (Universität Wien) betrachtete in seinem Vortrag „Asine, homo nullius valoris, tu numquam meruisti tale officium“ – Ländliche Selbstverwaltung und Praktiken innerdörflicher Ungleichheit im venezianischen Dalmatien des 15. Jahrhunderts soziokulturelle, rechtliche und administrative Aspekte gelebter Ungleichheit in der ländlichen Gesellschaft Dalmatiens am Beispiel der Insel Korčula. Im Spätmittelalter spitzten sich dort ebenso wie in weiten Teilen des venezianischen Adriaraums die soziopolitischen Spannungen zwischen Patriziern und Nichtpatriziern zu. Auf Korčula führte dies allerdings zu keinem Bruch zwischen städtischer und ländlicher Gesellschaft, da die seit spätestens 1265 verschriftlichte Rechtsordnung der Insel städtische und ländliche Gebiete zu einem einheitlichen Rechtsraum zusammenfasste. So standen neben Patriziern und Bürgern relativ einflussreiche Dorfgemeinschaften, denen auf der Insel eine rechtliche, administrative und sozioökonomische Schlüsselrolle zufiel. Gleichwohl wurden wichtige Ämter der ländlichen Selbstverwaltung von Patriziern geprägt (vorrangig Justiziare und Gastalden, ferner Weinberghüter und Feldwächter). Im Spannungsfeld zwischen Kommune, ländlicher Selbstverwaltung und venezianischer Jurisdiktion zeigten sich am Beispiel sozioprofessioneller Konflikte zwischen Bauern, Hirten und ländlichen Amtsträgern individuelle und kollektive Praktiken, die zum einen gegen Erscheinungsformen der Ungleichheit gerichtet waren, diese zum anderen aber auch neu produzierten. Die Dorfgemeinschaften reagierten flexibel auf die jeweilige Sachlage vor Ort: Sie konnten sich situationsabhängig von bestimmten Delinquenten distanzieren, den Versuch unternehmen, die patrizischen Amtsträger zu umgehen, oder die meist wenig sachkundigen Städter in ihrem Sinne zu manipulieren.

 

Die Ausformung schichtenübergreifender Beziehungen in der ländlichen Gesellschaft behandelte Juniorprofessorin Dr. Christine Fertig (Universität Münster) in ihrem Vortrag Soziale Ungleichheit im ländlichen Nordwestdeutschland. Soziale Kohäsion und interne Differenzierung lokaler Gesellschaften im 18. und frühen 19. Jahrhundert. Ausgehend von der Untersuchung verschiedener Regionen im Münsterland verdeutlichte Fertig, dass die Mietverhältnisse der Heuerlinge, Tagelöhner und Textilhandwerker ein wichtiges Indiz sozialer Ungleichheit darstellen und nachhaltigen Einfluss auf die ländliche Siedlungsstruktur sowie auf die soziale Stellung von Vermietern (Großbauern, Kleinbauern, Handwerkern, aber auch Tagelöhnern und Textilhandwerkern selbst) hatten. Dabei lassen sich beachtliche regionale Unterschiede beobachten (Mitte des 18. Jahrhunderts waren im nordwestlichen Münsterland rd. 45 % der Haushalte Mieterhaushalte, im östlichen Münsterland dagegen nur rd. 18 %), die auf eine durchweg alltagsprägende, jedoch je nach Region unterschiedlich ausgestaltete Verknüpfung von Arbeitsbeziehung und Mietbeziehung hindeuten. Ähnliche regionale Unterschiede zeigten sich auch bei einem Vergleich der Patenschaftsbeziehungen zwischen den verschiedenen sozialen Schichten in Löhne (Ostwestfalen) und Borgeln (Soester Börde) in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Während in Löhne die Heuerlinge stark in die Patenschaftsnetze der Bauern integriert waren, verschlossen sich die Bauern in Borgeln weitgehend der Patenschaft für die Kinder der Tagelöhner. Die Patenschaft als soziale Praxis bewirkte eine unterschiedlich starke Einbindung der ländlichen Unterschicht in die lokalen sozialen Netzwerke.

 

In der engagiert geführten Schlussdebatte herrschte Konsens darüber, dass die Untersuchung sozialer Praktiken der Ungleichheit lohnenswert ist, weil sie den vorherrschenden kategorialen Differenzierungen in den ländlichen Gesellschaften des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit ‚Leben einhaucht‘ und deutlicher hervortreten lässt, wie sich die erheblichen Unterschiede in ständischer Herkunft, ökonomischer Potenz und politischer Macht in actu konstitutierten und reproduzierten. Die Fokussierung auf Praktiken der Ungleichheit hat das Potenzial, durch eine Relektüre der vorhandenen Forschung aus praxeologischer Perspektive neue Erkenntnisse zu generieren. Eine analytische Differenzierung der empirischen Befunde ermöglicht die Unterscheidung zwischen unterschiedlichen Abstufungen praktizierter Ungleichheit. Jene reichten von der bloßen Verdeutlichung vorhandener Unterschiede in ländlichen Gemeinwesen (z.B. bei Rippmann) über verstärkte Gruppenbildungsprozesse und die damit einhergehende Abgrenzung zu Nichtmitgliedern (z.B. bei Sonderegger) bis zu Mechanismen aktiver Ausgrenzung bestimmter Individuen (z.B. bei Schäfer).

 

Dieses weite Spektrum verdeutlicht, dass ein praxeologischer Zugang zu historischer Ungleichheit diese nie im Singular, sondern stets im Plural analysiert: Ungleichheiten zu untersuchen, bedeutet nicht allein, (zweifellos wichtige) Unterschiede hinsichtlich sozioökonomischer Teilhabe und politisch-rechtlicher Statusbehauptung zu konstatieren, sondern auch andere, vielfältig miteinander verflochtene Asymmetrien in der ländlichen Gesellschaft der Vormoderne zu identifizieren, die in kulturgeschichtlichen Kategorien der Differenz, der Alterität und Intersektionalität beschreibbar werden. Verkürzt von Praktiken der Ungleichheit bzw. Doing Inequality zu sprechen, stellt schließlich vor ein theoretisch-methodisches Problem, das auf der Tagung lediglich am Rande berührt wurde und in diesem Rahmen natürlich auch nicht abschließend zu klären war, nämlich die grundlegende Frage, wie Praktiken eigentlich Ungleichheiten als per se strukturelle Konstellationen entstehen lassen, verfestigen oder aufbrechen.

 

Referentinnen und Referenten

Prof. Dr. Stefan Brakensiek, Universität Duisburg-Essen, Historisches Institut

Dr. Arne Butt, Institut für historische Landesforschung, Universität Göttingen

Juniorprof. Dr. Christine Fertig, Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Univer­sität Münster

Dr. Jonas Hübner, Historisches Institut, Universität Duisburg-Essen

Dr. Fabian Kümmeler, Institut für Osteuropäische Geschichte, Universität Wien

Dr. Roberto Leggero, Università della Svizzera italiana, Lugano

Prof. Dr. Dorothee Rippmann, Historisches Seminar, Universität Zürich

Dr. Regina Schäfer, Historisches Seminar, Vergleichende Landesgeschichte, Universität Mainz

Prof. Dr. Stefan Sonderegger, Stadtarchiv St. Gallen

Dr. Marco Tomaszewski, Historisches Seminar, Universität Freiburg

 

 

Programm

 

Freitag, 28. Juni 2019

12.00   Ankunft, Gelegenheit für einen Imbiss

13.00   Arnd Reitemeier (Göttingen) / Stefan Brakensiek (Essen) / Arne Butt (Göttingen)

Begrüßung, Einleitung und Problemstellung

 

13.30   Roberto Leggero (Lugano)

Paraphrasing Descartes. The Inequality in Medieval Southern Switzerland communities

 

14.15   Dorothee Rippmann (Zürich)

Jenseitsvorsorge, Gemeinde und soziale Differenz auf dem Land (Schauplatz Kirche)

 

15.00   Kaffeepause

 

15.30   Regina Schäfer (Mainz)

Reden über „Fremde“ in einem spätmittelalterlichen Dorf

 

16.15   Marco Tomaszewski (Freiburg)

Bauernhandel um ein Banner. Praktiken der Ungleichheit im Land Appenzell beim sogenann­ten Bannerhandel mit der Stadt St. Gallen 1535-39

 

17.00   Verleihung des Förderpreises der Gesellschaft für Agrargeschichte an

Julia Kreuzburg für ihre Masterarbeit Die ‚Arisierung‘ des jüdischen Weinhandels in Rhein­hessen (Univ. Mainz) und an Henning Bovenkerk für seine Masterarbeit Gab es in Deutsch­land eine Konsumrevolution? Das Münsterland im 18. Jahrhundert (Univ. Münster)

 

17.30   Mitgliederversammlung der Gesellschaft für Agrargeschichte

 

19.30   Abendessen

 

Samstag, 29. Juni 2019

 

09.00   Stefan Sonderegger (St. Gallen)

Doing inequality – enforcing equality. Gegen außen Abschluss und gegen innen Kollektiv­zwang. Zur spätmittelalterlichen Alpwirtschaft in der Bodenseeregion

 

09.45   Jonas Hübner (Essen)

Stratifying Interactions.

Gemeingüterbasierte Vergesellschaftung in den frühneuzeitlichen Marken Nordwestdeutschlands

 

10.30   Kaffeepause

 

11.00   Fabian Kümmeler (Wien)

„Asine, homo nullius valoris, tu numquam meruisti tale officium“. Ländliche Selbst­ver­waltung und Praktiken innerdörflicher Ungleichheit im venezianischen Dalmatien des 15. Jahrhunderts

 

11.45   Christine Fertig (Münster)

Soziale Ungleichheit im ländlichen Nordwestdeutschland. Soziale Kohäsion und interne Differenzierung lokaler Gesellschaften im 18. und frühen 19. Jahrhundert

 

12.30   Abschlussdiskussion

 

13.00   Tagungsende, Gelegenheit für einen Imbiss

 

 

2017

"Neuere Forschungen zur Geschichte der Agrarpolitik und Agrarwirtschaft 1930-1970"

16. Juni 2017 im Kulturwissenschaftlichen Institut, Goethestraße 31, Essen

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2018

 

"Dorf und Dörflichkeit: Studien zum sozialen Leben im Dorf"

 

Verantwortlich: Prof. Dr. Eva Barlösius (Leibniz Universität Hannover) und Prof. Dr. Claudia Neu (Georg-August Universität Göttingen/Universität Kassel)

 

Ort: Historische Sternwarte der Universität Göttingen, Geismar Landstr. 11, 37083 Göttingen (http://www.uni-goettingen.de/de/96209.html)

 

Gefördert durch: Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages

 

Ankündigung

 

Die Tagung beabsichtigt, den Begriff der Dörflichkeit in die Diskussion bringen, um mit den längst überholten, aber noch immer gebräuchlichen Kennzeichnungen des sozialen Lebens im Dorf zu brechen. Diese stammen mehrheitlich – zumindest vom Duktus her – aus dem Ende des 19. Jahrhunderts, weshalb sich in ihnen der Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft reflektiert. Typisch für diese Kennzeichnungen ist, dass sie dem sozialen Leben im Dorf solche Merkmale zuweisen, die mit der Vergangenheit assoziiert sind. Abgesehen davon, dass sie sich historisch weitgehend als falsch erwiesen haben, eignen sich diese Charakterisierungen nicht im Geringsten dazu, zu verstehen, ob und wodurch sich das soziale Leben im Dorf in der Wissensgesellschaft auszeichnet. Die Jahrestagung 2018 will Antworten auf diese Fragen geben und schlägt dazu vor, mit dem Begriff der Dörflichkeit zu arbeiten. 

 

Mit dem Begriff Dörflichkeit soll die Möglichkeit eröffnet werden, systematisch zu erfassen und zu beschreiben, ob und durch welche spezifische Sozialität das Leben im Dorf charakterisiert ist, dabei geht es uns vor allem um die Gestaltung und Qualität der sozialen Beziehungen (Barlösius/Spohr 2017). Dass trotz Globalisierung und Digitalisierung des Sozialen Dörflichkeit eine eigene soziale Wirkungsmacht besitzt, zeigt sich beispielsweise in den Prozessen der Verdörflichung infrastruktureller Einrichtungen, der Bedeutung von sozialen Beziehungen mit Face-to-Face-Charakter und den Formen unmittelbarer sozialer Integration.

 

Die etablierten bis heute gebräuchlichen Erfassungen und Beschreibungen der sozialen Beziehungen im Dorf greifen noch immer auf Charakterisierungen zurück, deren Grundtypus vor 130 Jahren entwickelt wurde (Tönnies 1887). Er besteht darin, wertende begriffliche Oppositionspaare zu verwenden und für das Dorf stets jene Eigenschaften als typisch auszuweisen, die als überholt und der Zukunft abgewandt gelten: Gemeinschaft, Tradition, öffentliche Privatheit, Zusammenhalt, Intoleranz etc. Der Stadt werden dagegen die gegenteiligen Merkmale gutgeschrieben und Zukunftsfähigkeit attestiert. Dass diese Differenzbestimmungen sowohl für die empirischen Forschungszugänge wie auch für die theoretischen Rahmungen nicht mehr angemessen sind, die soziale Wirklichkeit (Berger/Luckmann) des dörflichen Lebens zu analysieren, drückt sich besonders klar darin aus, dass in den letzten Jahrzehnten zunehmend mit Übergängen, Hybriden und Zwischenbereichen gearbeitet wird. Diese Begriffe suggerieren, dass sich beinahe alle Differenzen aufgelöst haben bzw. unerheblich geworden sind.

 

Nicht nur die oben genannten empirischen Beispiele sprechen dagegen, dass sie dies der Fall ist, auch die Tatsache, dass das Dorf in der Literatur (z.B. Juli Zeh: „Unterleuten“, Hans de Stoop „Das ist mein Hof“) sowie in den Medien zunehmend ein Ort der Imagination des Anderen ist, lässt daran Zweifel aufkommen. Allerdings sollte auch einer weiteren Renaissance der Romantisierung der Dörflichkeit vorgebeugt werden, denn so sehr man sich über die künstlerische und mediale Aufmerksamkeit freuen mag, ob sie zu einer angemesseneren Erfassung und Beschreibung des sozialen Lebens im Dorf beitragen wird, ist fraglich. Die Tagung soll dazu beitragen, genauer zu bestimmen, was Dörflichkeit auszeichnet.

 

 

Programm

 

Begrüßung, Einführung ins Thema der Tagung durch Eva Barlösius und Claudia Neu

 

Werner Nell/Marc Weiland (Universität Halle-Wittenberg):

Imaginäre Dörfer: Zur Wiederkehr des Dörflichen in Literatur, Film und Lebenswelt

 

Gisbert Strotdress (Wochenblatt für Landwirtschaft & Landleben/Münster):

Mediale Dorf-Bilder der Gegenwart zwischen Landlust und Randfrust

 

Eva Barlösius (Leibniz Universität Hannover):

Dörflichkeit: soziale Beziehungen, Verpflichtungen und Ansprüche besonderer Art?

 

Claudia Neu (Universität Göttingen/Kassel):

Akteure der neuen Ländlichkeit und Dörflichkeit

 

Abschlussdiskussion:

Dörflichkeit – ein lohnender Begriff?

 

Mitgliederversammlung der Gesellschaft für Agrargeschichte

 

Führung durch die historische Sternwarte

 

 

Referentinnen und Referenten

 

Eva Barlösius hat die Professur Makrosoziologie und Sozialstrukturanalyse an der Leibniz Uni­versität Hannover inne und leitet das Forschungszentrum Science and Society (LCSS). Zu ihren aktuellen Forschungsschwerpunkten gehören Infrastrukturen, Dörflichkeit und Wissenschafts­soziologie.

 

Werner Nell hat eine Professur für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg inne. Seine Arbeitsgebiete sind u.a. Verglei­chende Regionalitätsstudien und Interkulturelle Deutschlandstudien. Er ist der Sprecher des Forschungs­projekts Experimentierfeld Dorf.

 

Claudia Neu ist Professorin für die Soziologie ländlicher Räume an den Universitäten Göttin­gen und Kassel. Sie ist die stellvertretende Vorsitzende des Sachverständigenrates „ländliche Ent­wicklung“ des BMEL (2016-2019). In der Forschung beschäftigt sie sich vor allem mit den Themen Demographischer Wandel, Zivilgesellschaft sowie Daseinsvorsorge in ländlichen Räumen.

 

Gisbert Strotdrees ist Historiker und arbeitet seit 1988 als Redakteur beim Wochenblatt für Landwirtschaft & Landleben in Münster für die Themenfelder Kultur, Freizeit, Agrar- und Landes­geschichte sowie Familie / Soziales. Er hat etliche Bücher zum Themenbereich Land­leben und Landwirtschaft publiziert.

 

Marc Weiland koordiniert an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg das For­schungsprojekt Experimentierfeld Dorf, das von der VolkswagenStiftung finanziert wird. Er hat Literatur­wissenschaft, Sprachwissenschaft und Philosophie studiert und mit einer Arbeit über „Schöne neue Dörfer“ promoviert.

 

 

Tagungsbericht

 

Von Friederike Scholten (Münster) und Stefan Brakensiek (Essen)

 

Die wissenschaftliche Jahrestagung der Gesellschaft für Agrargeschichte widmete sich dem Thema „Dorf und Dörflichkeit“. Anknüpfend an aktuelle gesellschaftspolitische und kulturelle Entwicklungen ging es darum, den Begriff Dörflichkeit in die Debatte einzubringen, ihnzu konturieren und seine empirische Nützlichkeit zu erproben. Im Mittelpunkt standen die Fragen, wie sich soziale Beziehungen im Dorf aktuell gestalten und ob dörfliches Zusammenleben durch spezifische Formen der Sozialität charakterisiert ist. Aktualität erlangt die Thematik dadurch, dass trotz Globalisierung und Digitali­sierung des Sozialen, Dörflichkeit eine eigene soziale Wirkungsmacht zu besitzen scheint, identifi­zierbar in der Bedeutung von sozialen Beziehun­gen mit face-to-face-Charakter und Formen unmittelbarer sozialer Inte­gration. Den Veranstalterinnen Eva BARLÖSIUS (Hannover) und Claudia NEU (Göttingen) ging es zudem darum, die „alten“ Kennzeichnungen des sozialen Lebens im Dorf (Nähe, Kommu­nikation, Dauer, Kontrolle) zu diskutieren und zugleich zu fragen, ob diese Form der Nahbeziehungen nicht auch in Städten bzw. städtischen Quartieren vorkommt. Abgesehen davon, dass die alten Differenzbestimmungen (klassisch das Begriffspaar „Gemeinschaft versus Gesellschaft“ bei Ferdinand Tönnies) sich weitgehend als historisch falsch erwiesen hätten, finden sich gerade in Städten aktive Nachbarschaftsbewegungen, die sich auch unter zur Hilfenahme digitaler Medien um enge soziale Beziehungen bemühen.

 

Nach der Einführung in die Thematik durch die beiden Veranstalterinnen, zeigte der Vortrag der beiden Literaturwissenschaftler Werner Nell und Marc Weiland (Halle) anschau­lich die Wiederkehr des Ländlichen auf, sowohl in der Literatur und im Film, als auch in der Lebenswelt. Anhand aktueller Beispiele wurde gezeigt, dass das Dorf in der Literatur (z.B. Juli Zeh: „Unterleuten“, Hans de Stoop „Das ist mein Hof“) als ein Ort gilt, an dem sich eine Vielzahl von Themen überkreuzen: Landschaft und Natur, Selbsterfahrung und Arbeit, Ökolo­gie und Sozialität, Partizipation und Selbstorganisation, und eben auch Imagination – eine Imagination von Alterität, geprägt durch das ständige Hin und Her zwischen Stadt und Land. Dieser aktuelle Trend in der deutschsprachigen Literatur führe dazu, so Nell und Weiland, dass mediale Aufmerksamkeit erzeugt werde, die den Blick der Gesell­schaft über­haupt erst (wieder) auf das Dorf lenke. Die neuere Literatur sei nicht immer frei von Romantisierung des Ländlichen; Flucht vor und Interesse an dörflicher Realität erfolgten jedoch inter­essanterweise parallel. Heutige Literaten schrieben durch die Bank nicht „dörf­lich“, sondern modern über Dörfer. Dies markiere einen gravierenden Unterschied gegenüber der Dorfliteratur des 19. Jahr­hunderts. Die literarische Entwicklung wurde von den beiden Referenten als Teil einer gesamtgesellschaftlich zu beobachtenden Hinwendung zum Länd­lichen interpretiert, die z.B. auch im Erfolg von entsprechenden Fernsehserien manifestiere. Die Frage sei, ob im Zuge dieser medialen „Neuen Ländlichkeit“ auch Dörflichkeit, die genui­nen Formen des dörflichen Zusammenlebens im Sinne des Tagungsthemas mithin, neu modelliert werde.

 

Daran schloss der Vortrag von Gisbert Strotdrees (Münster) nahtlos an, der als Redakteur des „Wochenblatts für Landwirtschaft und Landleben“ gut informierte Einblicke in die aktuelle mediale Präsenz des Dorfes gab. Sein Befund ist eindeutig und wurde auch empirisch belegt: Seit den 1990er Jahren haben Themen wie „Dorfalltag“ und „Landalltag“ in den Medien Konjunktur; ein weiter verstärktes Interesse an dörflichen und ländlichen Themen könne seit etwa 2016 festgestellt werden. Die Ursachen dafür seien vielfältig, jedoch nicht einfach zu identifizieren. Die fehlende politische und massenmediale Aufmerk­samkeit für die Probleme des ländlichen Raumes hätten der Romantisierung des Dorfes Vorschub geleistet; das Dorf werde als „sicherer Hafen“ empfunden. Diese Nostalgie sei ein gesellschaftliches Krisensymptom. Anhand der Entwicklung der Zeitschrift „Landlust“, die im gleichen Verlag wie das „Wochenblatt“ erscheint, zeigte Strotdrees auf, dass das medialisierte Landleben nach den Regeln der Metropolen begriffen und konstruiert werde.

 

Der dritte Vortrag von Eva Barlösius (Hannover) fragte danach, ob Dörflichkeit eine eigene Form von Sozialität repräsentiere. Der Neologismus Dörflichkeit wurde von ihr abgegrenzt gegenüber den weiterhin vorherrschenden Konzepten von „Dorf“ und „Land“. Diese stammten mehrheitlich, so ihr Befund, vom Ende des 19. Jahr­hunderts, weshalb sie in erster Linie den Übergang von der Agrar- zur Industrie­gesellschaft reflektierten. Typisch für diese traditionellen Kennzeichnungen sei, dass sie dem sozialen Leben im Dorf überwiegend solche Merkmale zuwiesen, die mit der Ver­gangenheit assoziiert sind. Wertende begriffliche Oppositionspaare wiesen für das Dorf stets jene Eigenschaften als typisch aus, die als überholt und der Zukunft abgewandt gelten: Gemeinschaft, Tradition, öffentliche Privatheit, Zusammenhalt, Intoleranz etc. Der Stadt würden dagegen die gegen­teiligen Merkmale gut­geschrieben und Zukunftsfähigkeit atte­stiert. Dass diese Differenz­bestimmungen sowohl für die empirischen Forschungszugänge wie auch für die theoreti­schen Rahmungen nicht mehr angemessen seien, um die soziale Wirk­lichkeit des dörflichen Lebens zu analysieren, drücke sich besonders klar darin aus, dass in den letzten Jahrzehnten zunehmend mit Übergängen, Hybriden und Zwischen­bereichen gearbeitet werde. Diese Begriffe suggerierten, dass sich beinahe alle Differenzen aufgelöst hätten bzw. unerheblich geworden seien, was der jedoch keineswegs zutreffe. Der neue Begriff Dörflichkeit solle die Chance eröffnen, von den o.g. unzu­treffenden Konnotationen unbelastet, über die Spezifika des Sozialen auf dem Lande nachzudenken.

 

Claudia Neu (Göttingen) betrachtete in ihrem Vortrag die Akteure der Neuen Ländlichkeit (Nell/Weiland) und der Dörflichkeit (Barlösius). Sie stellte voran, dass Ländlichkeit keines­wegs als Raumkategorie zu begreifen sei, sondern als ein Diskurs- und Handlungs­raum, in dem sich unterschiedliche Akteure begegnen. In der Neuen Ländlichkeit würden demnach gesellschaftliche Fragen der Moderne verhandelt, nicht zuletzt allgemeine Befindlichkeiten und Ängste. Als Beispiele für den vielgestaltigen Handlungsraum der Neuen Ländlichkeit nannte sie neben der wiederentdeckten privaten Hauswirtschaft, das „urban gardening“ und die Wert­schätzung von Nachbarschaft. Mit Barlösius versteht sie den Begriff der Dörflichkeit als ein Angebot, spezifisch dörfliche Form der Vergesellschaftung zu erfassen, eine Sozialität, die auf Nähe, Autonomie, Zusammenhalt und Kommunikation ziele. Ob diese Dörflichkeit dann Homogenität benötige oder herstelle, zog sie in Zweifel. Die Referentin stellte empirische Studien vor, die es nahelegen, dass soziale Orte, sog. third places, die Kommunikation ermöglichen, Öffentlichkeit schaffen und dem Gemeinwohl dienen, Dörflich­keit zwar nicht hervorbrächten, ihre Gestaltungskraft aber sehr wohl unterstützten.

 

Die Abschlussdiskussion beschäftigte sich vor allem mit Trennschärfe und Sinn des Begriffes Dörflichkeit. Schnell wurde deutlich, wie diskussionsbedürftig der Begriff ist. So gab es einerseits ein Plädoyer dafür, den Terminus nicht weiter zu nutzen, sondern von „Kommuni­kation unter Anwesenden“ zu sprechen, was die mit Dörflichkeit adressierten Formen von Sozialität angemessener bezeichne. Andererseits wurden Möglichkeiten angesprochen, den Begriff zu konkretisieren und inhaltlich anzureichern. Das Potential von Dörflichkeit bestehe – im Gegensatz zum Begriff des Dorfes – gerade in seiner Künstlichkeit. Uneinig waren sich die Teilnehmer, ob Dörflichkeit an Dorf gebunden sei oder – mit Barlösisus – eine davon abgelöste Qualität von Sozialität bezeichnen solle. Diese Debatten gilt es weiterzuführen.

 

 

 

 

2016

"Neue Forschungen zu Problemen der ländlichen Welt“

10./11. Juni 2016

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2015

"Totgesagte leben länger? Geschichte und Aktualität ländlicher Gemeingüter in vergleichender Perspektive"

12./13. Juni 2015

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2014

"Kirche im ländlichen Raum"

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2013

"Wissen in Landwirtschaft und ländlicher Gesellschaft"

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2012

"Demographischer Wandel in ländlichen Gesellschaften - Geschichte, Gegenwart und Zukunft"

15. Juni 2012

 

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2009

Klimawandel und Agrarentwicklung in Mitteleuropa vom Mittelalter bis in die Moderne

12. Juni 2009. Das Programm ist archiviert bei hsozkult.

2008

Erwerbsgartenbau im Wandel - Von den Klostergärten zum modernen Wirtschaftszweig

Erfurt, 13.–14. Juni 2008. Ankündigung und Programm sind archiviert von hsozkult.

2007

Frauen in der ländlichen Gesellschaft

Frankfurt am Main, 15. Juni 2007. Die Ankündigung ist archiviert bei hsozkult. Ein Bericht erschien ebenfalls bei hsozkult

 

2005

Agrarforschung im Nationalsozialismus. Beispiele für systemgerechte Programmatik und Praxis

Frankfurt am Main, 10. Juni 2005. Das Programm ist archiviert bei hsozkult.