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Jg. 54 – 2006 – Heft 2: Ernährung und Region

Editorial

Mit dem Redaktionsschluss Ende August 2006 erhielt der Themenschwerpunkt des vorliegenden Heftes eine unerwartete Aktualität. Ein „Gammelfleischskandal“ nicht abschätzbaren Ausmaßes, der eventuell „größte Lebensmittelskandal der vergangenen zehn Jahre“ (Westfälische Nachrichten vom 2. September 2006), bestimmt seit den letzten Augusttagen die Berichterstattung in Zeitungen, Funk und Fernsehen. Ins Visier der Ermittler gerieten auf einen anonymen Hinweis hin bayerische Großhändler, die zum Teil mehr als drei Jahre altes Fleisch an Gaststätten und Imbissstände in Deutschland und im europäischen Ausland geliefert hatten. Unmittelbar im Anschluss an die Aufdeckung dieses erneuten Fleischskandals verschärften sich auch die politischen Debatten um die Lebensmittelkontrollen in Deutschland.

Über derartige Skandale werden die Verbraucher nicht nur in Deutschland seit Jahren mit den Folgen einer zunehmend internationalen, ja globalen Nahrungsmittelindustrie konfrontiert, die sich regelmäßigen Kontrollen immer wieder erfolgreich zu entziehen vermag. So regelmäßig wie die Skandale und die daraus resultierende Verunsicherung der Konsumenten sind die Tipps für den sicheren Nahrungsmitteleinkauf auch in unsicheren Zeiten. Dabei bemühen sich die Ratgeber in der Regel auch um Schadensbegrenzung für den heimischen Nahrungsmittelhandel und die ansässigen Agrarproduzenten. So titelte der Bayerische Rundfunk in seiner Online-Ausgabe am 1.9.2006 in Reaktion auf den jüngsten Fleischskandal: „Tipps für den Fleischeinkauf! Supermarkt oder Metzgerei: Wo kaufe ich am sichersten? Fleisch aus dem Supermarkt ist nicht automatisch schlechter als das vom Metzger. Auch die Supermärkte legen Wert auf Qualität und viele bieten Bio-Fleisch bzw. Fleisch aus der Region an. Grundsätzlich gilt aber: Je größer und anonymer die Kette und je billiger das Fleisch, desto weniger sicher können Sie bei der Qualität sein.

Zwei Schlagworte, die in derartigen Kontexten immer wieder auftauchen, enthalten auch die Verbrauchertipps des Bayerischen Rundfunks: In Zeiten unsicherer Nahrungsmittelqualitäten und verunsicherter Verbraucher werden der Anonymität und Unüberschaubarkeit der großen, international agierenden Agrarproduzenten und Handelsketten zum einen die biologisch erzeugten Nahrungsmittel, zum zweiten die Produkte des unmittelbaren Umlandes gegenübergestellt. In Krisensituationen geraten die regionale Erzeugung und Vermarktung von Nahrungsmitteln zu Garanten von Überschaubarkeit und Kontrollierbarkeit, von Sicherheit und Qualität.

Die zunehmende Internationalisierung der Nahrungsmittelproduktion und des Nahrungsmittelhandels, aber auch die Nivellierung der Konsumgewohnheiten und Geschmackspräferenzen sind ein Phänomen der Moderne. Obwohl überregionaler Handel mit Nahrungsmitteln schon im Mittelalter nachweisbar ist, unterteilten regionale Unterschiede die Landkarte der Ernährungsgewohnheiten in Europa über Jahrhunderte in vorwiegend relativ kleinräumige Einheiten. Regionale Kostmuster prägten in Deutschland selbst in den Städten noch in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhundert die Ernährungsgewohnheiten breiter völkerungsschichten. Regionale Küchen werden –wenngleich oft künstlich historisiert und stereotypisiert –, seit Jahrzehnten erfolgreich touristisch vermarktet; regionale Kost gehört, mehr oder weniger authentisch, seit langem zum Angebot von Gaststätten und Restaurants nicht nur in ländlichen Zusammenhängen. Selbst das für seine Kochkünste nicht gerade gerühmte England entdeckt inzwischen seine heimische Küche neu. Vor diesem Hintergrund ist das Thema des vorliegenden Heftes der ZAA hochaktuell.

Für den Themenschwerpunkt „Ernährung und Region“ war eigentlich ein weiterer historischer Beitrag vorgesehen, der kurzfristig entfallen musste. Vor dem Hintergrund des neuerlichen Fleischskandals jedoch sind die soziologischen Analysen von Simone Helmle, Eva Barlösius und Axel Philipps erheblich anschlussfähiger. Sie thematisieren zum einen den Umgang von Verbrauchern, Medien und Politik mit der BSE-Krise 2000/01 (Barlösius/Philipps) sowie die Markt-, Handels- und Handlungsstrategien eines biologisch-ökologischen Gemeinschaftsprojektes in Bayern, in dem sich Produzenten und Konsumenten in einer Genossenschaft zusammentaten, um ihren Anspruch auf biologisch erzeugte und regional vermarktete Nahrungsmitteln in die Tat umzusetzen (Helmle).

Der Beitrag von Dagmar Langenhan hingegen verweist auf die „lange Dauer“ traditionaler, auch regional verankerter Ernährungsgewohnheiten in der Lausitz zu DDR-Zeiten sowie deren sukzessive Veränderung durch den Einzug einer flächendeckenden Gemeinschaftsverpflegung. Der Beitrag von Johannes Bracht liegt außerhalb des Themenschwerpunktes: Er untersucht die Frage nach der Finanzierung der Ablösungen im Kontext der ‚Bauernbefreiung’ am Beispiel einiger Gemeinden in Westfalen. Zu diesem zentralen agrarhistorischen Thema liegen bislang kaum grundlegende Detailstudien vor.

Eva Barlösius, Barbara Krug-Richter

Inhaltsverzeichnis

Editorial S.8-10

Simone Helmle: Jonglieren mit Begriffen: ökologisch, regional, saisonal S. 10-22

Eva Barlösius, Axel Philipps: „Eine Zeit lang haben wir kein Rindfleisch gegessen“ S. 23-36

Dagmar Langenhan: Fremde Tische – Ernährungspräferenzen und Essgewohnheiten in der Lausitz zwischen Wandel und Beharrung S. 36-54

Johannes Bracht: Reform auf Kredit: Grundlastenablösungen in Westfalen und ihre Finanzierung durch Rentenbank, Sparkasse und privaten Kredit (1830-1866) S. 55-76

 

FORUM

Frank Konersmann: Bericht über die Tagung „Bauern als Händler. Ökonomische Diversifizierung und soziale Differenzierung im Zuge der Marktintegration (15.–19. Jahrhundert)“ (Max-Planck- Ins titut für Geschichte in Göttingen, 23.-24.6.2006) S. 79-82

Gunther Hirschfelder, Ursula Hudson-Wiedenmann: Deutsche Akademie für Kulinaristik / German Academy for Culinary Studies. S. 83-84

Alois Seidl: Bericht über Vortragstagung und Mitgliederversammlung der Gesellschaft für Agrargeschichte (GfA) am 9. Juni 2006 S. 85

REZENSIONEN: S 87 – 118

Abstracts

Simone Helmle – Juggling with terms: ecological, regional, seasonal
The increase of organic supermarkets and the degree in which consumption of organic food products is rising suggest a “bio-boom”. This article examines the example of the producer-consumer association “Tagwerk” in Bavaria. It analyzes the difficulties that emerge in establishing a varied assortment of ecologically produced local goods. Farmers have to be resourceful in creating new products that at the same time have to fit local market requirements. But for the consumers not only the products are of importance. They are also looking for well-being and a meaningful life. As a result, the organic store has become a venue mainly for people who understand and agree with these ideas. Oral life stories showed that customers mix imaginations of ecological farming based on local resources and self-sufficiency with their search for self-realisation.

Eva Barlösius / Axel Philipps – „Eine Zeit lang haben wir kein Rindfleisch gegessen“ – BSE zwischen Alltagsbewältigung, politischer Krise und medialer Skandalisierung
“We stopped eating beef for some time” – BSE between daily routines, political crises, and medial scandalisation In this article we discuss the construction of reality and counter-strategies during the BSE-crisis among consumers, political parties and mass media in Germany. Empirical data about experiences and coping patterns in everyday life show a broad variety of responses. These reactions to overcome uncertainty regarding BSE depend on the fact whether a repertoire of knowledge pre-existed or not. Finally, we think that a delay caused by reconsiderations of action among consumers was misinterpreted by politicians and the media.

Dagmar Langenhan – Foreign tables – eating preferences and food habits in the region of Lausitz between change and persistence. The influence of „refugee-cuisine“ and sozialistischer Gemeinschaftsverpflegung“
This paper addresses traditional, locally anchored eating habits in Lusatia during the second half of the 20th century. It focuses specifically on the influences of refugees after World War II and the overall introduction of “sozialistische Gemeinschaftsverpflegung” (socialist community meals). The paper argues that eating habits function as a form of (re)construction of regional identity in these transformation societies.

Johannes Bracht – Reform auf Kredit: Grundlastenablösungen in Westfalen und ihre Finanzierungdurch Rentenbank, Sparkassen und privaten Kredit (1830-1866)
The article provides a microhistorical approach to the ‚peasant emancipation‘ (/Bauernbefreiung/) in Westphalia, a western province of 19 th century Prussia. The main idea of this agrarian reform was redemption of feudal dues and obligations (/Reallastenablösungen/), for which peasants had to pay redemption capital to their lords. For this reason the history of peasant emancipation is strongly linked to the history of rural credit as a means of finance. The analysis concentrates on three types of financing: the government annuity-bank (/Rentenbank)/ which offered annuity loans, the savings banks (loans and deposits) and the real estate credit market. The central question is whether the existence of informal credit, or the supply of credit at all, could accelerate the progress of redemption. One of the findings is that the structure of the credit markets was no decisive force. The innovative product ‚annuity loan‘ was unpopular among the peasants. Those who could profit most from the governmental credit were the landlords.

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