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Tagung 2022

Das Dorf in Fernsehserien

Zeit: Freitag, 24. Juni 2022, 10:00-17:10 Uhr
Ort: DLG-Haus in Frankfurt am Main (Eschborner Landstraße 122), Max-Eyth-Saal (5. Obergeschoss)
Konzeption: Dr. Gunter Mahlerwein, Prof. Dr. Clemens Zimmermann

Die Konferenz findet in Präsenzform statt. Im Gebäude und für die Veranstaltung gilt die 2G+-Regel; bei doppelter Impfung und Genesung oder Boosterung ist kein aktueller negativer Antigentest (24 h) oder PCR-Test (48 h) notwendig.

Aufgrund der begrenzten Raumkapazitäten bitten wir um Anmeldung bis Sonntag, 19. Juni, bei Gunter Mahlerwein: guntermahlerwein@aol.com.

 

Programm

10:00-11:00
Clemens Zimmermann (Saarbrücken): Anmerkungen zu „Dorfserien“

11:00-11:50
Jens Jäger (Köln): „Heimat“ oder doch keine Heimat? Edgar Reitz‘ Epos neu gesehen

11:50-12:10
Kaffeepause

12:10-13:00
Marjolaine Boutet (Amiens): Is Un village français Really a Village? French TV Series and the Representation of the Countryside

13:00-14:00
Mittagsimbiss

14:00-14:50
Alina Just (Hamburg): Labor des Sozialismus. Erzählungen vom Dorf als Gründungszelle der DDR in der Fernsehserie „Märkische Chronik“ (1983/89)

14:50-15:40
Christian Hißnauer (Berlin): Der Häcksler, das Dorf und der Tod. Provinzerkundungen in der Krimireihe Tatort

15:40-16:00
Kaffeepause

16:00-16:40
Gunter Mahlerwein (Saarbrücken): Jenseits der Stadt. Dorf und Land in westeuropäischen Kinder- und Familienserien der 1950er bis 1970er Jahre

16:40-17:10
Schlussdiskussion

 

Profil

Serienformate sind in den letzten beiden Jahrzehnten zu einer globalen und dominanten Form des Fernsehens geworden, die klassische Kino- und Fernsehfilme zum Teil verdrängt hat und auf DVD und/oder auf Abruf fast ubiquitär zur Verfügung steht. Medienwandel vollzog sich über die Zirkulation und Adaption von Serien. Aber schon seit den 1950er Jahren waren Serien wichtig, besonders im angelsächsischen Bereich, zumal im Zusammenhang dortiger privatwirtschaftlicher Senderketten. Während es sich bei Heimatfilmen bzw. Heimat-Serien um ein gut definiertes Genre handelt, zu dem zahlreiche Untersuchungen vorliegen, ist dies bei „Dorfserien“ bislang viel weniger der Fall. Sicherlich gibt es Überscheidungen mit anderen Gattungen: Soweit es das Themenfeld „Heimat“ betrifft, wurden typische Motive und Konstellationen von Heimatfilmen auch in Dorfserien übernommen. Heutige Dorf-Serien können jedoch auch in Zusammenhang mit der Gattung der „Thriller“ stehen, wie zuletzt die dänische Produktion „Killing Mike“ zeigte. Wiederum ist unübersehbar, dass in landbezogenen Serien Dorfräume oft nur ganz oberflächlich als Hintergrund dienen. Gleichwohl lohnt es sich, „Landserien“ und „Dorfserien“ voneinander abzugrenzen.

Insofern geht es auf der Tagung erstmals darum, „Dorfserien“ als eigenes Phänomen herauszuarbeiten und die hier erscheinenden Repräsentationen dörflicher Gesellschaftlichkeit, Charaktere und Konflikte näher zu betrachten. Ebenso soll untersucht werden, welche Potenziale sich für deren Darstellung aus der medialen Form der „Serie“ ergeben. Denn in Serien können längere und komplexere Geschichten erzählt werden als im klassischen Einzelfilm, die Entwicklung von Charakteren und innerdörflicher Konstellationen wird ausdifferenziert und – ein wesentlicher Schritt – auf konkrete historische Gefüge bezogen. Es kann so nachvollzogen werden, wie Fernsehserien erheblich zur Repräsentationsgeschichte von Dorf beitragen.

Beispiele für das Genre der Dorfserie existieren zahlreiche – nicht nur in Deutschland. In „Un Village français“ (2009-2017) wurde ausgeleuchtet, wie sich Dorfleben und Zweiter Weltkrieg miteinander konflikthaft verschränkten. In der global verbreiteten Erfolgsserie „Heimat“ von Edgar Reitz wurde generationeller, sozialer und politischer Wandel im Hunsrücker Dorf nachvollzogen und in neuartiger Weise Dorfgeschichte wieder-erzählt. Die englische Serie „The Village“ (2013) lehnte sich an das Modell von Reitz an und berichtete sowohl von familiären Beziehungen im Dorf als auch von dessen Modernisierung, von Klassenkonflikten und individuellen Optionen. In der irisch-britischen Produktion „Ballykissangel“ (1996-2001) wurde der Alltag eines fiktiven Dorfes nachgezeichnet und ein erheblicher Beitrag dazu geleistet, wie sich Zuschauer*innen im Sendebereich der BBC irische Lebenswirklichkeit sowie die gesellschaftliche Bedeutung von Religion und Ritualen vorstellen. Bemerkenswert ist auch, dass es in der DDR groß angelegte Dorfserien gab, z.B. „Wege übers Land“ (1968), in denen sich der Herrschaftsanspruch der SED auf die sozialistische Transformation von Dorf und Landwirtschaft manifestierte, zudem aber – mit wachsender Differenziertheit – den sozialen Rollenträgern im Dorf und der Frage nachgespürt wurde, wie sich in diesem Raum die ‚großen‘ Prozesse vollzogen.

Es erscheint daher an der Zeit, auf thematischer, narrativer und filmästhetischer Ebene und an signifikanten Beispielen dem – erstmals so definierten – Genre der „Dorfserie“ nachzugehen. Darüber hinaus sollen auch die (länderspezifischen) Produktionsbedingungen und die Rezeptionsgeschichte solcher Serien seit den Anfängen in den 1950er Jahren reflektiert und die Befunde mit dem Stand land- und dorfhistorischer Geschichtsforschung verglichen werden. Schließlich stellt sich die Frage, wie „lokal“ (national) oder „glokal“ die Stoffe und die Distribution von Dorfserien angelegt sind.

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