Tagungsbericht 2025: Bauernkrieg – Rezeption und museale Vermittlung
Gesellschaft für Agrargeschichte. Tagung vom 27. Juni 2025 im DLG-Haus in Frankfurt/Main.
Eine Reihe von Tagungen beschäftigt sich seit 2024 mit den Bauernkriegsereignissen vor 500 Jahren; gegen Ende dieser Staffel widmete sich auch die Gesellschaft für Agrargeschichte e. V. in ihrer durch die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung unterstützten Sommertagung in Frankfurt-Rödelheim dem Thema.[1] Nicht der Gang der Ereignisse und die Ursachen des Aufstands von 1524/25 standen im Fokus, sondern die Frage: Was braucht es, damit ein historisches Ereignis als denkwürdig in Erinnerung bleibt? Auf welche Weise und zu Gunsten welcher Interessen und Programmatik konstruiert die Erinnerung im Laufe der Jahrhunderte das Bild historischer Begebenheiten und Umbrüche und wie wird es umgeformt? Seit dem 16. Jahrhundert erfuhren Deutung und Bilder des Bauernkriegs mehrfach einen Paradigmenwechsel, beginnend mit den alt- und neugläubigen Polemiken gegen die gewalttätigen, mordlustigen Bauern (Martin Luther und andere), dies alles in einer langdauernden Tradition der Verachtung dieses niederen Standes von Handarbeitern und jahrhundertelang aus der Perspektive des siegreichen Adels.
Die heutige Generation von Historikerinnen und Historikern ist gegenüber Meistererzählungen skeptisch eingestellt, das erweisen die drei Monografien, die rechtzeitig zum Jubiläum auf den Buchmarkt kamen: von Lyndal Roper,[2] Thomas Kaufmann[3] (denen man indes noch eine gewisse Lust an der Suche einer Meistererzählung unterstellen mag – sei es die von der Freiheitsutopie der Akteure oder jene von der das Geschehen anstoßenden bzw. beschleunigenden Macht des damals neuen Mediums Buchdruck) und insbesondere von Gerd Schwerhoff[4]. Entsprechend resultierte in den Vorträgen die Erkenntnis, dass auch in neuerer Zeit die Rezeption des Bauernkriegs sich in der Regel erheblich von den Fakten löste (soweit die Fakten durch die Quellen belegt sind oder überhaupt interessieren) und der im Medium von Panoramabildern[5], Denkmälern, Festreden (wie der vielfach angeführten von Bundespräsident Rau in Memmingen anno 2000), musealen Präsentationen oder im Historienfilm erinnerte Bauernkrieg letztlich nur ein „ferner Spiegel“[6] sein kann.
Einleitend umriss die Kulturanthropologin und Historikerin Ira Spieker (Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde ISGV, Dresden) das Anliegen der Tagung: Das Jubiläum wird zum Anlass genommen, über erinnerungskulturelle Praktiken und die Repräsentation von Ereignissen nachzudenken. Anhand unterschiedlicher Formen und Formate von Vermittlung wird auch danach gefragt, woran sich erinnerungskulturelle Handlungen und Kanonisierungen ausrichten. Denn Jubiläen sind Gelegenheiten, Perspektivwechsel anzustoßen, während sie auch zu Diskussionen über Ansätze, Methoden und Interpretationen anregen. Im gegebenen Fall bieten die mancherorts erlebbaren musealen Jubiläums-Präsentationen die Möglichkeit, verschiedene Zugänge zu vergleichen. Spieker betonte die zentrale Rolle der Museen bei der Vermittlung historischen Fachwissens und dessen Kontextualisierung, um einem breiten Publikum unterschiedliche Perspektiven und Interpretationen zu ermöglichen und damit zugleich je zeitspezifische Deutungshorizonte zu verdeutlichen.
Der Frühneuzeit-Historiker Stefan Brakensiek (Duisburg-Essen) bemerkte seinerseits, dass neuerdings die schulische Vermittlung der frühneuzeitlichen Epoche fast eingestellt worden ist. Geht es um den Bauernkrieg, so steht eine Menge vorgefertigten, weitverbreiteten und nur schwer verrückbaren „Wissens“ bereit, an dem, wie er es plakativ ausdrückte, die Geschichtswissenschaft zerschellen kann. Nach heutigen liberaldemokratischen Vorstellungen soll im Bauernkrieg damals schon einiges angelegt gewesen sein, was gesellschaftlich prägend weiterwirkte. In den neuen sozialen Bewegungen der BRD vor 1989 wurde auf den angeblich immer schon vorhandenen zivilen Ungehorsam rekurriert. Den demokratischen Verfassungsstaat sah man im Bauernkrieg gewissermaßen präfiguriert. Das sind Beispiele für die „Nutzung des historischen Ereignisses“ (so Brakensiek) für jeweilige Gegenwartsinteressen, demgegenüber ist die Fragestellung der Tagung: Was kann man tun, um vergangene Ereignisse nicht unzulässig zu aktualisieren?
Gerd Schwerhoff (TU Dresden: 500 Jahre Bauernkrieg – Innovative Forschungen und öffentliches Erinnern im Widerstreit?) sieht sich mit den vorhandenen Bildern in den Köpfen konfrontiert, er legt die erste Synthese nach jener Peter Blickles vor. In der seinerzeitigen Debatte ging man davon aus, dass die Grundlage des Evangeliums den Treibstoff der Geschehnisse bildete, was zum gemeinsamen Nenner der heutigen Forschung wird. Heute steht die monistische Deutung bei Peter Blickle in ihrer heroischen Zuspitzung, die mechanistische Auffassung des Bauernkriegs als zwingende Folge strukturgeschichtlicher Gegebenheiten in Frage. Schwerhoff sieht innovatives Potenzial in der Bündelung um den Aspekt der Ressourcenkonflikte, in Ansehung der Konkurrenz zwischen Grundherren / innerhalb der Dorfbevölkerung / zwischen Stadt und Land, alles im Zuge gesteigerter Marktintegration. Er sieht die Herausforderung darin, die Wahrnehmung der Zeitgenossen einerseits und die Strukturen andererseits zusammenzusehen. Sein kurzer Überblick skizziert die Ansätze Peter Seiberts („Gewalt und Gemeinschaft“)[7], der die tödliche Gewalt als zentrales Ereignis herausstellt. Dagegen steht Lyndal Ropers akteurszentrierter und emotionsgeschichtlicher Ansatz. Die Autorin fokussiert auf Brüderlichkeitsethik und die ökologische Dimension des Bauernkriegs, unter Berücksichtigung der Gender History. Schwerhoff sieht im Vergleich das Potenzial einer Geschichte des Bauernkriegs. Sein Vortrag umriss ferner die Dimensionen öffentlichen Erinnerns a) in der Forschung, b) in Ausstellungen, c) in offiziellen Verlautbarungen und d) in den Formen von Eventkultur und Jubiläumskitsch, mit jeweils unterschiedlichen Narrativen. In der öffentlichen Diskussion herrscht ein Zerrbild der vormodernen Gesellschaft vor, mitunter handelt es sich um eine anachronistische Rückverlagerung der Menschenrechte ins 16. Jahrhundert (der Gedanke ist bei Peter Blickle angelegt und wird von Bundespräsident Steinmeier bemüht). Wird Freiheit und der einstige Freiheitsbegriff mit Demokratie verknüpft, so entsteht eine fragwürdige Art öffentlichem Gedenkens.
Es bleibt zu fragen, wie Historikerinnen und Historiker diese Sichtweisen beeinflussen können. In öffentlichen Verlautbarungen sind wir vor allem als „Expertendarsteller“ gefragt (den Begriff führte Barbara Stollberg-Rilinger ein) und können als Trittbrettfahrer medialer Aufmerksamkeitsökonomie gegen die Immunisierung der Zuhörerschaft gegen wissenschaftliche Erkenntnisse antreten.
In der Diskussion wurde moniert, dass der Begriff des Rechts und die Unrechtserfahrung der Untertanen in Betracht zu ziehen sei (Heide Wunder), ebenso das Gefühl, gemeinsam Handlungsmacht entfalten zu können. Museen sind sehr wohl bestrebt, neuere Forschungsergebnisse in die Öffentlichkeit zu tragen. Sie haben unbedingt als Forschungseinrichtungen zu gelten. Nützlich wäre eine Publikumsforschung, denn zumindest bei interessierten Besucherinnen und Besuchern bleibt vom Vermittelten etwas hängen (so Gunter Mahlerwein).
Marco Veronesi (Landesmuseum Württemberg in Stuttgart, mitverantwortlich für die Große Landesausstellung „500 Jahre Bauernkrieg“: Der Bauernkrieg und seine Rezeption, ca. 1970-2025) berichtete von Forschungen zum westdeutschen Raum, wobei er betonte, dass jeweils der Erinnerungsort wichtig sei, entsprechend dem Programm der „Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte“. Anlässlich des Jubiläums war jeweils abzuklären, wo das Gedenken zu verorten sei; es ging darum, einen bestimmten Ort festzulegen. Als Fallbeispiele erörterte Veronesi zwei Manifestationen von Bauernkriegsrezeption in Baden-Württemberg: die AKW-Proteste in Wyhl und die Proteste gegen die Daimler-Benz-Teststrecke in Boxberg (Main-Tauber-Kreis), gegen die sich die Bürgerinitiative Bundschuh wehrte. 1975 gab es noch kein etabliertes Narrativ, auf das man sich im ländlichen und urbanen Milieu der damaligen Akteure hätte berufen können. Während in Wyhl 1975/76 für die Platzbesetzung mit Plakaten, auf denen ein Flugblatt aus dem Jahr 1525 prangte, geworben wurde, wählten die Gegner der Teststrecke das Symbol des Bundschuhs, darunter nicht wenige Konservative. Hier besteht wie auch bei Wyhl der Aspekt des konservativen Widerstands, mit Unterstützung urban geprägter Anhängerinnen und Anhänger.
Im Fall des aktuellen Bauernkriegsgedenkens in Memmingen, wo einst die Delegierten von 300 Dörfern zusammenkamen, wird in einer großen Ausstellung des Bauernkriegs gedacht, ebenso in einer weiteren Ausstellung in Schussenried („Uffruor“). Indes standen Politikerinnen und Politiker einer Großen Landesausstellung kritisch gegenüber, während sie auf geografische Breitenwirkung und Nachhaltigkeit pochten. In Weingarten wurde das vom Stadtrat initiierte Bauernkriegsdenkmal kontrovers debattiert und von Kritikern und Kritikerinnen als „ein Denkmal der Nutzlosigkeit der Geschichte“ abgelehnt. Das Denkmal benützt ein Zitat aus dem Weingartner Vertrag; man kann es in den Zusammenhang von Stadtmarketing stellen. Was die treibende Kraft urbaner Akteure in den erörterten Fallbeispielen angeht, wies eine Diskutantin darauf hin, dass der Protest gegen den Schnellen Brüter in Kalkar entschieden von Bauern und Bäuerinnen ausging. Was den Protest gegen das AKW Wyhl[8] angeht, zeigte sich im Vortrag die Problematik der auf nationale Grenzen begrenzten historischen Sichtweise (aus Württembergischer Perspektive) und nationalen Deutung, denn von den damals transnational organisierten und unter steter Mitwirkung von Frauen, insbesondere Landwirtinnen und Weinbäuerinnen, koordinierten Protesten gegen die AKW in Fessenheim (F) und Kaiseraugst (CH) und der Chemiefabrik in Marckolsheim (F) war nicht die Rede.[9]
Lea Wegner (Bauernkriegsmuseum in Böblingen) diskutierte im Vortrag Kein Bauer, kein Krieg, keine Objekte? – Zur Musealisierung des Bauernkriegs die Voraussetzungen und Möglichkeiten musealer Präsentation und Vermittlung eines Ereignisses, von dem kaum geeignete Objekte überliefert sind. Sie vermittelte einen Einblick in ihre Überlegungen zur Neugestaltung des Bauernkriegsmuseums. Indes beinhaltet das Narrativ der ursprünglichen Ausstellung von 1988 die Gefahr reduzierter Botschaften und Missverständnisse, mit der Verwendung von Druckschriften, Waffeninstallationen und Zinndioramen. Damit kontrastiert die von ihr erarbeitete Konzeption: Sie ging nicht von dem auf Blickles Thesen beruhenden Allgemeinmodell des Bauernkriegsmuseums aus, sondern baute auf eigenen Beobachtungen auf. Wegners (im Rahmen ihrer Dissertation am Institut für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften der Universität Tübingen) ausgewerteten Funde von Archivgut ermöglichen es, alternative Erzählungen einzubringen, die nicht auf die Schlacht bei Böblingen, sondern auf die Akteure fokussieren, soweit sie in Quellen wie 40 Urfehden und dem Briefwechsel von Amtsleuten mit der württembergischen Obrigkeit bezeugt sind.[10] In Hörstationen sind die Geschichten der Personen zu vernehmen, womit der Perspektivwechsel vom Phänomen Krieg und Schlacht hin zur Person gelingt: Die Ereignisse werden jeweils anhand einer beteiligten Einzelperson erzählt, wobei deren individuellen Positionen und Erfahrungen im Laufe der wechselnden Situationen und Herausforderungen gefolgt wird. Diese Darstellungsmethode wurde dem Konzept des ‚Storytelling Circle‘ (Konzept der Heldenreise) entlehnt. Damit will die Ausstellung, anstatt konfrontative Positionen zu betonen, Multiperspektivität vermitteln, indem sie zu zeitgenössischen Wahrnehmungen und individuellen Widersprüchen und Positionsänderungen hinführt.
Susanne Kimmig-Völkner (Direktorin der Mühlhäuser Museen, Mühlhausen: Zur Erinnerung des Bauernkriegs. Rezeption ausstellen) rekurrierte für das Konzept der Thüringer Landesausstellung in Mühlhausen auf „Wahrnehmen und Erinnern“, Thema des dritten Teils der Ausstellung. Auch hier bestand die Schwierigkeit darin, Ereignisse ohne Objekte auszustellen, umso mehr als die Besucherinnen und Besucher, wie die Referentin meinte, nicht Schriftdokumente, sondern Dinge / Dreidimensionales sehen wollen. Das Museum arbeitet hier nun mit einer Anzahl Flugblättern und Flugschriften, die museal nicht so sehr als Zeugnisse des einstigen Geschehens präsentiert werden, sondern als Belege für unterschiedliche Sichtweisen und Standpunkte in der Historiografie seit dem 16. Jahrhundert – beginnend mit Luthers Reaktion auf die Ereignisse auf der Burg Weinsberg, in der Absicht, sich gegen die „Schwärmer“ abzugrenzen. Gezeigt wird, in welcher Weise die Polemiken gegen das Täufertum (Hans Hut) die Akteure des Bauernkriegs als Beispiel anführten.[11] Am Beispiel der Bilderchronik des Abts Jakob Murer von Weißenau[12] erläuterte die Referentin, wie sie den quellenkritischen Ansatz umsetzt: Murer ging es im Wesentlichen um die Selbstdarstellung als Abt der Prämonstratenserabtei. Er berichtet, er habe am Ende die Bauern den Treueid schwören lassen, um sich als Architekt der Wiederherstellung der rechten Ordnung auch selbst in einem starken Bild zu inszenieren. Im Weiteren ging Kimmig-Völkner auf die veränderte Sichtweise und die Historiografie im Vormärz ein, welche die Bauern zunächst positiv darstellte. In der Weimarer Republik fand das soziale Motiv des Aufstands und die soziale Deutung Eingang, während die Sozialdemokraten und Kommunisten Müntzer für sich entdeckten (Der rote Thomas Müntzertag in Eisleben). In der Propagandamaschinerie des Dritten Reichs hinwiederum wurde Florian Geyer als Propagandamittel eingesetzt (Puppentheater mit den Marionetten Geyer und dem „Bändeljuden“); es gab Georg Deiningers Stück „Der Bauer im Joch“ und die Florian Geyer-Festspiele in Giebelstatt. Kimmig-Völkners Anliegen ist es, dass die Ausstellung die Besucherinnen und Besucher auf einen Ausflug in vielfältige historiografische Traditionsstränge mitnehmen möge und ihnen Einblick in eine Vielzahl von Deutungsmustern bietet.
Die Historikerin und Filmwissenschaftlerin Nora Hilgert (Mühlhäuser Museen) setzte Thomas Müntzer ins Zentrum ihrer Ausführungen Thomas Müntzer Movie Star – Wie ein radikaler Prediger des Bauernkrieges Filmgeschichte schrieb. Er gilt traditionell als eine Hauptfigur des Bauernkriegs und wird in einer Reihe von Filmen unterschiedlich gezeichnet und für variable politische Botschaften vereinnahmt. In der DDR galt Müntzer als ein unvergesslicher Vordenker des Sozialismus. Ein gutes Drama benötigt Tiefe, Spannung und Liebe als Treiber der Handlung. Hilgert untersuchte die drei Spielfilme von 1956, 1970 und 1989. Der von Friedrich Wolf (†1953) und später dessen Sohn und dem Regisseur Martin Hellberg als äußerst personalaufwändige Produktion der DEFA realisierte Film (Dauer: zweieinhalb Stunden, Kosten: vier Millionen Mark) von 1956 sollte dem deutschen Film der DDR Aufschwung geben, Müntzer (Wolfgang Stumpf) als Helden propagieren und dem Anspruch genügen, legendenzerstörend und geschichtsforschend vorzugehen. Müntzer wurde weniger als Theologe, denn als impulsiv auftretender Held der Gerechten (omnia sunt communia) und Agitator gezeichnet, Luther trat überhaupt nicht auf, hingegen Müntzers Frau Ottilie. Der letzte DDR-Film „Ich, Thomas Müntzer, Sichel Gottes“, zum mutmaßlichen 500. Geburtstag, wurde 1986 in großem Format (doch mit gegenüber 1956 reduziertem Figurenensemble) von der Abteilung Fernsehdramatik verantwortet. Er entsprach der staatlichen Korrektur im DDR-Geschichtsbild der 1980er Jahre, indem nun Luther ins so genannte Erbe- und Traditionskonzept eingebunden wurde. Der „historisch richtigen Wertung des Lebens und des Werkes Martin Luthers“ sollte nicht widersprochen werden, Müntzer trat als „Luthers Werkzeug“ auf, als ruhiger und reflektierter Mann. Paradoxerweise war die Erstausstrahlung auf den 10. Dezember 1989 anberaumt. 1989 hat sich die Kirche aus den Ehrungen Müntzers gänzlich herausgehalten. Der Film wurde nicht in den Westen verkauft, und das bundesrepublikanische Filmbusiness hat nicht auf die Produktion reagiert.
Insgesamt wurde in der Tagung deutlich, wie herausfordernd es ist, ein Ereignis multiperspektivisch und ohne konfrontative Schwarz-Weiss-Malerei (Freund-Feind / fürstlich-adelige Sieger und bäuerliche Besiegte) zu erinnern sowie in der Öffentlichkeit und museal ansprechend zu vermitteln. Ein an sich banaler Grund für die schwierigen Voraussetzungen einer Ausstellung zum Bauernkrieg besteht schlicht im Mangel an zeitgenössischen Objekten[13] – abgesehen von Rüstungen und Waffen, die indes in den Händen des Adels zur Bekämpfung der aufständischen „Bauern“ eingesetzt wurden. Damit verstärken solche Objekte den Umstand der ungleichen historischen Überlieferung, die ein erdrückendes Material aus der Sicht der Sieger bietet, doch sehr wenig „authentische“ Stimmen der Akteure und Akteurinnen auf Seiten der Aufständischen zu Wort kommen lässt. Ebenso wurde deutlich, dass aus Bildern (wie etwa Flugschriften und Flugblätter) nicht eins zu eins geschichtliche Wahrheiten abzulesen sind, sondern dass sie in komplexen Kontexten und mit variablen Intentionen gewisse einseitige, parteiliche Wahrnehmungen und Botschaften transportieren.
In der Abschlussdiskussion stellte sich erneut heraus, dass für das Gedenken an die Ereignisse und die Vermittlung historischer Forschungen ein Ortsbezug unabdingbar ist. Die Geschichtsvermittlung benötigt, um erfolgreich zu sein, als Voraussetzung im besten Fall die Identifikation des Publikums (wie der Museumsbesucher und -besucherinnen) mittels eines regionalen Bezugs, es kommt also auf die Wahl des Ortes der Erinnerung an. Notabene fällt auf, dass Bayern (mit Franken als einem Kerngebiet des Bauernkriegs) keine Jubiläumsausstellung anberaumt hat. Den dem Verständnis förderlichen Ortsbezug nutzen dort eine Reihe kleinerer Museen, in denen interessierte Freiwillige Ausstellungen initiierten. Vielversprechend sind insbesondere Angebote für Familien. Aus historischer Sicht besteht der Anspruch, das Thema Bauernkrieg auch von einer übergeordneten Warte aus anzugehen. Einigkeit herrscht darin, dass sich Museen auch als Orte der Forschung positionieren und neben ihren Aufgaben der Sammlungspflege, Restaurierung, Ausstellungen und Vermittlung historische Forschung als eine ihrer Kernaufgaben anerkannt und finanziert wird. Wie die Tagung zeigte, erweist sich aktuelle Archivforschung (auch in Filmarchiven) in Kombination mit Ausstellungskonzeption als fruchtbar.
Dorothee Rippmann Tauber, 19. Juli 2025
[1] Siehe dazu das jüngste Heft der Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie 73, 2025/1: Bauernkrieg 2025. Rezeption und museale Vermittlung, hg. von Stefan Brakensiek, Niels Grüne und Ira Spieker, mit Beiträgen von Benjamin Heidenreich, Thomas T. Müller, Lea Wegner, Susanne Kimmig-Völkner/Barbara Leven, Marco Veronesi, Nora Hilgert und Marian Elsenheimer.
[2] Lyndal Roper: Für die Freiheit. Der Bauernkrieg 1525, Frankfurt a. M. (S. Fischer).- Englischsprachige Ausgabe: Summer of Fire and Blood. The German Peasant’s War, New York City 2025 (Basic Books).
[3] Thomas Kaufmann: Der Bauernkrieg. Ein Medienereignis, Freiburg/Basel/Wien 2024 (Herder).
[4] Gerd Schwerhoff: Der Bauernkrieg. Geschichte einer wilden Handlung, München 2024 (C. H. Beck).
[5] Siehe das von 1979 bis 1983 entworfene Monumentalbild von Werner Tübke im Panorama Museum Bad Frankenhausen.
[6] Barbara Tuchmann, Der ferne Spiegel. Das dramatische 14. Jahrhundert, Düsseldorf 1980.
[7] Peter Seibert, Die Niederschlagung des Bauernkriegs 1525 : Beginn einer deutschen Gewaltgeschichte,
Bonn 2025.
[8] Siehe auch https://www.landeskunde-baden-wuerttemberg.de/wyhl, mit Liste der Erinnerungsorte.
[9] Siehe die jüngste mir bekannte Rückschau auf die Ereignisse von Milo Probst: „Frauen schlagen Alarm“: Widerstand am Oberrhein, in der Wochenzeitung WOZ Nr. 19 vom 8. Mai 2025, S. 20.
[10] Siehe auch in Zukunft: Sigrid Hirbodian/Lea Wegner (Hgg.): 1525 – Württemberg im Aufstand (landeskundig, Bd. 9), Ostfildern 2025.
[11] Als Beispiel die katholische Flugschrift „Die Müntzerischen“ von 1588.
[12] Günter Franz (Hg.), unter Mitarbeit von Werner Fleischhauer: Jacob Murers Weißenauer Chronik des Bauernkrieges von 1525. Faksimile; Text und Kommentar, Sigmaringen 1977; vgl. Schwerhoff 2024, S. 126, 178, 181.
[13] Dem Versuch, die Bauernkriegsereignisse aus geschlechtergeschichtlicher Perspektive zu sehen und insbesondere auch die Basis sachkultureller Überlieferung zu prüfen und zu erweitern, war die Tagung vom 22.-23. November 2024 in Brixen gewidmet: Ländliche Gesellschaft 1525. Interventionen aus der Geschlechtergeschichte, organisiert von Siglinde Clementi und Janine Maegraith vom Zentrum Regionalgeschichte Bozen (Cusanus-Akademie).
